Sprung, Rad, Spagat, Sieg!

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge wurde am Aschermittwoch der Schoduvel zu Grabe getragen und damit die Karnevalssession verabschiedet und trotzdem blickt das närrische Deutschland in dieser Woche gebannt auf Braunschweig. Am 30. und 31. März findet in der Löwenstadt nämlich eine ganz besondere Veranstaltung statt: Die 48. Deutsche Meisterschaft im karnevalistischen Tanzsport. Zum ersten Mal wurde Braunschweig als Austragungsort für dieses Großevent ausgewählt, was für Karnevalisten wie mich eine wirkliche Ehre ist. Aber was erwartet mich als Zuschauerin an diesen zwei Tagen? Im Gespräch mit Svenja Ketelhut, der sportlichen Turnierleitung und Trainerin der Welfengarde, lasse ich mir die wichtigsten Hintergrundinformationen zur Meisterschaft geben.

Wettkampfdisziplinen

Zu aller erst erklärt die Expertin erklären, welche Tanzsparten und Altersgruppen bei der Meisterschaft vertreten sind. „Getanzt wird in drei verschiedenen Altersklassen: Jugend (6 bis 10/11 Jahre), Junioren (11 bis 14/15 Jahre) und ü15 (alle ab oder über 15 Jahre). Bei allen Altersklassen gibt es die Disziplinen Tanzpaar, Garde, Tanzmariechen und Schautanz.“ Dass Tanzen nicht nur Mädchensache ist, zeigt sich hier auch deutlich: „Bei der Jugend und den Junioren tanzen Jungs und Mädchen immer zusammen in der Disziplin Garde. Bei den Ü-15ern wird dann noch in weibliche Garde (also nur Mädels) und gemischte Garde (mit mindestens drei männlichen Tänzern) aufgeteilt.“

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Bei der Meisterschaft gibt es viele Disziplinen, zum Beispiel das Tanzpaar. Foto: Foto: Thorsten Schnell

Bei der diesjährigen Meisterschaft werden über 1.000 Aktive aus dem gesamten Bundesgebiet antreten. Auf welche Sportlerinnen und Sportler ich ein besonderes Auge werfen sollte, verrät mir Svenja Ketelhut ebenfalls: „Es gibt natürlich gerade bei den Solisten immer ein paar Tänzer, auf die das Publikum wartet. So ist Liana Wolf, die deutsche Meisterin des letzten Jahres bei den Ü-15-Tanzmariechen, wieder mit dabei. Sie erhielt im letzten Jahr mehrere 100er-Wertungen. Bei den weiblichen Garden der Ü-15er werden vor allem die Vereine Baunatal, Neuenkirchen und Nürnberg um die Platzierungen kämpfen, aber auch viele andere Vereine sind ihnen dicht auf den Fersen.“

Wertung

Ziel aller Mannschaften ist es natürlich bei der Meisterschaft auf dem Siegertreppchen zu landen, aber wie genau werden die verschiedenen Tänze eigentlich bewertet? Von Svenja Ketelhut erfahre ich, dass es eine siebenköpfige Jury gibt, die nach bestimmten Wertungskriterien wie der sauberen Ausführung von Elementen, Ausdruck, Choreografie oder dem Aufmarsch die dargebotenen Tänze mit einer maximalen Punktzahl von 500 Punkten bewertet.

Pflichtelemente, wie ich sie zum Beispiel aus dem Standardtanz kenne, gibt es beim karnevalistischen Tanzen natürlich auch: „Es gibt Grundelemente wie Marsch- oder Polkaschritte, bei denen es zum Beispiel darauf ankommt, wie variantenreich sie eingesetzt werden. Dasselbe gilt für Sprünge, Drehungen und schwere Elemente wie zum Beispiel den Beinheber, Beinschwünge, Spagat oder Radschläge“, erzählt die Tanzexpertin. Natürlich gibt es auch Unterschiede zwischen den einzelnen Disziplinen: Beim Paartanz und den gemischten Garden werden so zusätzlich Hebungen in die Choreografien eingebaut. Zudem sind einige Disziplinen, wie zum Beispiel der Paar- und Mariechentanz deutlich akrobatischer als Gardetänze. „Hier sieht man auch Elemente wie freie Räder, Bogengänge und Flickflacks.“

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Sprünge, Bogengang und Flickflack: Die Solotänzerinnen sind besonders akrobatisch. Foto: Thorsten Schnell

Ganz besonders spannend wird es beim Schautanz, denn in dieser Disziplin kommt es darauf an, dass die Tänzerinnen und Tänzer mit ihrer Choreografie eine besondere Geschichte erzählen. „Dabei können verschiedenste Musiken und Tanzstile miteinander verknüpft werden. Hier tragen die Tänzerinnen und Tänzer auch keine Gardeuniformen, sondern sehr fantasievolle Kostüme und Requisiten“, erklärt mir Svenja Ketelhut.

Die Qualifizierung

Nachdem ich nun einiges über den Ablauf der großen Meisterschaft gelernt habe, bin ich neugierig geworden, wie ich mich überhaupt für diese qualifizieren kann. Turnierexpertin Svenja Ketelhut zählt die einzelnen Schritte auf: „Von Oktober bis März finden bundesoffene Qualifikationsturniere in ganz Deutschland statt. Wenn man es schafft, nach der Anmeldung auf die Starterliste zu kommen tanzt man auf diesen Turnieren und erhält für seine Tänze eine Wertung.“ Für jede Disziplin qualifizieren sich die Tänzerinnen und Tänzer, die die beste Wertung erhalten und noch nicht qualifiziert sind. „Es kann also zum Ende der Turniersaison auch sein, dass man sich mit einem 4. Platz trotzdem qualifiziert, weil alle drei Mannschaften vor einem bereits qualifiziert sind.“

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Auf den bundesoffenen Qualifikationsturnieren kann man sich einen Platz bei der Deutschen Meisterschaft erkämpfen. Foto: Welfengarde

Für alle Tänzerinnen und Tänzer, die sich qualifiziert haben, geht es dann im Anschluss zum süddeutschen oder norddeutschen Halbfinale, bei dem sie sich durch gute Platzierung, zum Beispiel unter den besten fünf bei den Junioren, einen Platz für die Deutsche Meisterschaft erkämpfen können.

Vorbereitung ist alles

Um als Mannschaft eine Chance bei den Turnieren zu haben, ist natürlich ein intensives, ganzjähriges Training besonders wichtig. Ein Tanz kann immer zwei Jahre hintereinander auf Turnieren gezeigt werden, so dass meist in jedem Jahr entweder der Schautanz oder der Gardetanz erneuert wird. Die meisten Garden trainieren deshalb ein bis zweimal pro Woche, Tanzpaare und Tanzmariechen sogar noch ein bis zweimal zusätzlich. „Auch regelmäßige Trainingseinheiten am Wochenende und Trainingslager gehören dazu. Dies gilt auch schon für die jüngsten, wie unsere Welfengarde. Es ist also ein Sport, bei dem man auch einiges an Durchhaltevermögen und Disziplin braucht“, verrät mir Trainerin Svenja Ketelhut.

Beim Schautanz wird den Zuschauern eine richtige Geschichte  vorgetanzt. Foto: Welfengarde

Beim Schautanz wird den Zuschauern eine richtige Geschichte vorgetanzt. Foto: Welfengarde

Trotz der ganzen Turniervorbereitung können aber auch Tänzerinnen und Tänzer die noch unerfahrener sind schnell mit eingebunden werden. „Man darf ja nicht vergessen, dass wir neben dem Turniersport auch alle Karnevalisten sind, die unzählige Auftritte während der Session haben. Hier können dann alle Tänzerinnen und Tänzer mit eingesetzt werden und Erfahrungen sammeln. Das ist ein Punkt, den ich an unserem Sport so toll finde“, schwärmt die Karnevalistin.

Braunschweig holt auf

Obwohl die Meisterschaft in diesem Jahr in der Löwenstadt ausgetragen wird, nehmen leider noch keine Braunschweiger Tänzerinnen und Tänzer teil. Warum das so ist, erklärt Svenja Ketelhut so: “Braunschweig ist in puncto karnevalistischer Tanzsport noch in der Entwicklungsphase. Seit einigen Jahren nehmen zwar schon Vereine an Qualifikationsturnieren teil, aber bisher ohne Qualifikationschancen. Das liegt auch daran, dass die Trainingsmöglichkeiten bisher alles andere als ideal waren.“

Für die Zukunft sieht es besser aus, denn die Welfengarde, ein gemeinsames Projekt der drei Braunschweiger Karnevalsvereine über das ich bereits hier berichtet habe, hat bereits einen Landesmeistertitel in der Disziplin Garde-Jugend gewonnen, sowie mehrere Platzierungen auf dem Treppchen bei den offenen Qualifikationsturnieren erreicht. „Auf mehreren Turnieren haben wir sogar nur um einen Platz an der möglichen Qualifikation für das Halbfinale vorbeigetanzt. Mit diesem Stand hatten wir vorher so gar nicht gerechnet und es stimmt uns positiv für die Zukunft. Wir hoffen sehr darauf, dass gerade auch die Deutschen Meisterschaften den Blick auf den karnevalistischen Tanzsport etwas modernisieren und wir als Sportart in Braunschweig stärker wahrgenommen werden.“

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Auf der Überholspur: Die Braunschweiger Welfengarde hat erste Titel gewonnen. Foto: Welfengarde

Die tolle Entwicklung der Braunschweiger Tänzerinnen und Tänzer können Sie sogar in den sozialen Medien über karnevalistischertanzsport.bs oder #rotepappnase verfolgen und sich bei Interesse auch für Probetrainings anmelden.

Wenn Sie nun auch neugierig geworden sind und gerne als Zuschauerin oder Zuschauer die Deutsche Meisterschaften im karnevalistischen Gardetanz verfolgen wollen, können Sie sich hier noch eines der Resttickets sichern.

Titelbild: Gardetanz auf Meisterschaftsniveau bedeutet Synchronität bei jedem Tanzschritt. Foto: Thorsten Schnell

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