Ein Leben für die Geige

Bei meinem Besuch bei Rautmann Geigenbau bleibe ich zunächst fasziniert am Schaufenster stehen: Auf einer Werkbank liegen Geigen in verschiedenen Stadien ihres Bauprozesses. Geigenbaumeister Matthias Vorbrodt begrüßt mich freundlich in der mit zahlreichen Streichinstrumenten gefüllten Werkstatt. Ich frage, noch beeindruckt von der Schaufensterdekoration, direkt nach: Warum ist in eines der frischen Holzbauteile „Antonius Stradivari 1709“ graviert? „Weil die Bauweise auf den berühmten Geigenbauer zurückgeht“, erklärt mit der Experte. „Das Holz darf aber nicht einfach so zu einer Geige verarbeitet werden. Bevor ich beispielsweise mit der Decke aus Fichtenholz beginnen kann, muss es zehn bis zwanzig Jahre liegen“. Ich lerne: Beim Geigenbau ist Geduld ganz besonders wichtig. Bis eine neue Geige fertig ist, können schon einmal leicht 180 Arbeitsstunden vergehen.

Geigenbautradition in Braunschweig

Geigenbaumeister Matthias Vorbrodt in seinem Element. Foto: BSM.

Geigenbaumeister Matthias Vorbrodt in seinem Element. Foto: BSM.

Der Geigenbau ist ein Handwerk, das in der Löwenstadt mit der Familie Rautmann eine über fünf Generationen andauernde Geschichte hat. Wussten Sie, dass Rautmann Geigenbau zu den ältesten Geigenbauwerkstätten in ganz Deutschland zählt? Seit 1844 arbeitete Carl Rautmann als Geigenbauer in Braunschweig. 2008 – also nach über 160 Jahren – endete mit Elfie Rautmanns Tod diese Familientradition. Matthias Vorbrodt trat die Nachfolge der Rautmanns fünf Jahre später an – in dem Geschäft in der Schöppenstedter Straße, ganz in der Nähe des Staatstheaters. „Mit Elfie Rautmann hatte ich über die Jahrzehnte eine sehr gute, fachliche und freundschaftliche Beziehung, weshalb ich das Geschäft gerne weiterführe“, erzählt er.

 Berufswunsch „Geigenbau“

Kam Matthias Vorbrodt zum Berufswunsch „Geigenbau“, weil er selbst Geige spielte? Zu meiner Überraschung berichtet er, dass das Geigenspielen damals im Gegensatz zu heute keine Voraussetzung für die dreijährige Ausbildung war. Es sei aber wichtig, ein gutes musikalisches Gehör zu haben. Matthias Vorbrodt persönlich ist bereits seit seinem achten Lebensjahr leidenschaftlicher Violinist. In seinem Heimatort Wernigerode, wo er zur Musikschule ging, fehlte damals ein Geigenbauer, weshalb er mit seiner Geigenlehrerin die Idee entwickelte, Geigenbau zu lernen. „Die Geige zum Beruf zu machen war ein Wunsch von mir. Aber auch die Arbeit mit Holz zog mich sehr an“, erinnert sich Matthias Vorbrodt zurück. Seit 1995 baut und repariert er in Wernigerode hauptsächlich Geigen, wobei auch andere Zupfinstrumente wie Celli, Bratschen und Mandolinen zur Reparatur zu ihm gebracht werden. In Braunschweig in der Rautmann´schen Werkstatt hat er daher an nur zwei Tagen in der Woche geöffnet. Wer ihm einmal bei der Arbeit zusehen möchte, kann sich auch einen kurzen Film anschauen.

Das Arbeiten mit Holz liegt Matthias Vorbrodt am Herzen. Foto: BSM

Das Arbeiten mit Holz liegt Matthias Vorbrodt am Herzen. Foto: BSM

„Das schönste an meinem Beruf ist es, dass die Kunden mit ihrer Geige glücklich nach Hause gehen. Viele kommen schon seit vielen Jahren, denn es verlangt auch Vertrauen, seine geliebte Geige in fremde Hände zu geben“, verrät Matthias Vorbrodt. Außerdem gefällt es ihm, in Ruhe in der Werkstatt zu arbeiten: „Dazu höre ich gerne klassische Musik“. Wenn dann ein Kunde zu ihm kommt, versteht er dank seiner langjährigen Erfahrung mittlerweile schnell, welche Geige zu ihm passt.

Mieten statt kaufen

Geigen, wohin das Auge blickt: Werkbank bei Rautmann Geigenbau. Foto: BSM.

Geigen, wohin das Auge blickt: Werkbank bei Rautmann Geigenbau. Foto: BSM.

Während der Geigenbaumeister an einem kleinen aber zentralen Teil des Musikinstruments, dem Steg, arbeitet, erzählt er mir von seinem Vermietungsangebot: „Viele Eltern leihen für ihre Kinder die kleineren Geigen bei mir aus, da sie nach ein paar Jahren zu einer größeren wechseln. Aber auch dann ist es nicht unpraktisch, noch länger eine Geige zu mieten, um in Ruhe zu schauen, welche man kaufen möchte“. Denn jede Geige klingt ein bisschen anders: Faktoren wie das Alter des Instruments, die Materialien sowie wie oft und wer sie gespielt hat tragen zu ihrem individuellen Klang bei. Matthias Vorbrodt rät: „Beim Kauf einer neuen Geige am besten immer Probespielen: Die Geige für ein paar Tage oder Wochen mit nach Hause nehmen und gegebenenfalls auch im Geigenunterricht testen“. Auch hier begegnet sie mir wieder: Die Geduld. Matthias Vorbrodt sagte mir: „Das Musizieren und der Umgang mit Geigen gehört zu den schönen Dingen im Leben“ – und diese brauchen nun mal ihre Zeit.

Schöppenstedter Str. 42 | 38100 Braunschweig | Mittwoch und Freitag 13:00–18:00 Uhr

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Beitragsbild: Im Schaufenster von Rautmann Geigenbau gibt es viel zu sehen. Foto: BSM

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