Das Theater der Zukunft

Können Sie sich noch an Ihren allerersten Theaterbesuch erinnern? Meiner war in der ersten Klasse. Damals besuchten wir mit der Schule das Weihnachtsmärchen „Die Schneekönigin“ und ich war restlos begeistert. Deshalb hüpfte mein Herz auch ein bisschen, als ich das Märchen nun im neuen Spielplan des Staatstheaters entdeckt habe. Darüber steht „Junges Staatstheater“. Bedeutet die Formulierung Theater für Kinder? Der Begriff verwirrt mich, denn er begegnet mir im Theaterprogramm immer wieder und nicht alle der gekennzeichneten Stücke sehen aus, als wären sie für ein sehr junges Publikum geeignet. Ich bin neugierig geworden und möchte herausfinden, was hinter dem Jungen Staatstheater steckt. Vielleicht erfahre ich mehr bei einem kleinen Spaziergang mit Jörg Wesemüller, der seit der Spielzeit 2017/2018 Leiter des Junges Staatstheaters ist.

Theater für jedes Alter

Als traditionelles Fünfspartenhaus vereint das Staatstheater Braunschweig die Bereiche Musiktheater, Schauspiel, Tanz und Junges Staatstheater. Gespielt wird je nach Stück im Großen Haus, dem Haus Drei im Magniviertel oder dem noch recht neuen Aquarium im Kleinen Haus. Die einzige Ausnahme bildet das jährliche Open Air auf dem Burgplatz.

Nachdem ich mit den klassischen Sparten des Hauses schon recht vertraut bin, möchte ich nun das Junge Staatstheater kennenlernen. „Sind denn dort alle jung?“, ist die erste Frage, die mir dazu einfällt. Jörg Wesemüller lacht. “Wir sind schon ein sehr junges Team. Unsere Schauspielerin Larissa Semke zum Beispiel, ist erst seit dem letzten Jahr bei uns und Mitte zwanzig. Wir haben aber auch Schauspieler die über 30 Jahre alt sind“, erklärt er mir.

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Das Ensemble des junges Staatstheaters im Stück „Als wir träumten“. Foto: Bettina Stoess

Relativ jung ist dafür die Zielgruppe. Generell sind die Stücke im Jungen Staatstheater in Aufführungen für Kinder, für Jugendliche und für Erwachsene unterteilt. Eine Neuerung, die Jörg Wesemüller durchgesetzt hat, ist die Streichung der Altersempfehlungen aus dem Spielplan. „Viele Menschen denken bei 6+ einfach, dass die Aufführung nur für sechsjährige ist und das stimmt nicht“, klärt er mich auf. „Jedes Kind entwickelt sich unterschiedlich, sogar in einer Klassenstufe gibt es da riesige Unterschiede zwischen den Schülern. Deshalb kann man einfach keine generelle Empfehlung geben. Natürlich beraten wir Eltern und Lehrkräfte aber gerne bei Fragen“, sagt der Theaterexperte. Er erklärt mir wie wichtig es ist, dass Kinder und Jugendliche sich mit dem Inhalt des Stückes identifizieren können und früh alle Sparten des Theaters kennenlernen, nicht nur das klassische Schauspiel „Man sagt nämlich, dass man junge Menschen nur bis zum 25. Lebensjahr für das Theater begeistern kann – natürlich gibt es da Ausnahmen.“ Deshalb gibt es in der neuen Spielzeit im Jungen Staatstheater auch mehr Tanz, Musiktheater und Konzerte.

Staatstheater Braunschweig  Spielzeit 2017 - 2018 Junges Staatstheater Premiere 07.04.2018  Haus Drei Gold! Musik von Leonard Evers Libretto von Flora Verbrugge nach den Brüdern Grimm aus dem Niederländischen von Barbara Buri Musiktheater 6+ Besetzung Musikalische Leitung: Johanna Motter Regie: Katharina Schmidt Bühne, Kostüme und Video: Philine Rinnert Dramaturgie: Stefanie Fischer Vermittlung: Iris Kleinschmidt   Kind: Milda Tubelytė Erzähler: Roman Konieczny

Das Musiktheaterstück „Gold!“ erzählt die Geschichte eines Jungen der einen Zauberfisch findet. Foto: Thomas M. Jauk

Bei unserem Spaziergang merke ich schnell, wie viel Energie und Leidenschaft Jörg Wesemüller in seine Arbeit steckt: “Ich will zeigen, dass Theater ein cooles Unterhaltungsmedium sein kann, denn das ist es wirklich! Noch viel besser als Kino, weil es Emotionen intensiver zum Zuschauer transportieren kann und authentischer ist.“ Um den Fortbestand des Theaters in der Zukunft zu garantieren, müssen aber einige Veränderungen stattfinden. Eine Herausforderung ist dabei besonders die stetig wachsende Diversität in den Städten. Der Mix aus Kulturen, Sprachen und Altersstrukturen erfordert neue Denkweisen und nicht jeder Mensch ist heutzutage in seinem Kulturkreis schon mit dem Theater in Berührung gekommen. „Hier kann das Junge Theater am besten greifen. Besonders Tanzstücke sind geeignet um Publikum aus allen Gesellschaftsgruppen und Kulturkreisen zu begeistern, da es die Geschichte nicht durch Worte, sondern durch Körpersprache zum Ausdruck bringt – die versteht jeder“, findet Jörg Wesemüller.

Inside the Orchestra

Ein weiterer neuer Ansatz, Theater für alle erlebbarer zu machen, ist das experimentelle Format „Inside the Orchestra“ das vom Jungen Staatstheater momentan angeboten wird. „Das ist ein ganz neuer Weg Konzerte zu erleben, ich glaube, das hat sonst noch keiner gemacht“, schwärmt der Dramaturg. In drei verschiedenen „Hörspaziergängen“ können die Theaterbesucher hier einen ganz persönlichen Einblick in das Leben der Orchestermusiker des Staatstheaters bekommen und mehr über ihre Verbindung zur Musik erfahren. Mit Kopfhörern auf den Ohren werden sie von einer Mischung aus Interviews und Musik durch das große Haus geleitet und erhalten so eine ganz neue Sichtweise auf die geheime Welt des Orchestergrabens, die sonst stets verborgen bleibt.

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Bei „Inside the Orchestra“ können Besucher auf Entdeckungsreise durchs Theater gehen. Foto: Bjern Hickmann

Als wir träumten

„Aber kann ich als Erwachsener nun auch Aufführungen des jungen Staatstheaters besuchen?“, möchte ich jetzt noch wissen. „Unsere Inszenierungen sprechen nicht nur junges Publikum an. Letzte Woche hat zum Beispiel „Als wir träumten“ Premiere gefeiert. Das Stück beruht auf dem Roman von Clemens Meyer und ist ziemlich harter Tobak“, erklärt mir Jörg Wesemüller. Es geht darin um junge Menschen im Osten Deutschlands, die nach dem Fall der Grenze und der Auflösung der DDR orientierungslos sind und keinen Halt mehr haben. „Dieses Stück zeigt unverblümt die Wahrheit. Diese Jugendlichen bekommen keine Grenzen gesetzt, sie driften in verschiedene Richtungen ab und bei manchen endet es nicht gut“, erzählt Jörg Wesemüller.

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In „Als wir träumten“ trifft emotionsgeladendes Tanztheater auf Schauspiel. Foto: Bettina Stoess

„Als wir träumten“ ist auch ein weiteres wunderbares Beispiel für neue Wege, die der Leiter des Jungen Staatstheaters beschreitet. Das Besondere an dieser Inszenierung ist nämlich die Kombination aus Schauspiel und Tanz. „In Zusammenarbeit mit Gregor Zöllig, dem Leiter des Tanztheaters, haben wir da etwas ganz Tolles geschaffen“, schwärmt der Leiter. Zwar war die Umsetzung durch unterschiedliche Probeabläufe und zeitliche Engpässe nicht immer einfach, aber das Ergebnis begeistert ihn: „Diese Kombination passt so gut. Durch die tänzerischen Elemente können die sehr starken körperlichen Emotionen im Stück, wie Leid und Wut, viel besser ausgedrückt werden.“

Nathan

Nicht vom Jungen Theater gespielt, aber trotzdem für junges Publikum zu empfehlen ist der Klassiker „Nathan der Weise“, der seit Kurzem wieder im Großen Haus aufgeführt wird. „Das Drama von Gotthold Ephraim Lessing ist eine beliebte Schullektüre, weshalb viele junge Menschen die Aufführung besuchen werden“, erklärt mir Jörg Wesemüller. Trotz Schulbezug sollte dieser Theaterbesuch aber nicht langweilig werden, denn die Inszenierung von Regisseur Martin Nimz überrascht mit Filmeinspielern und einer besonderen Optik von Schauspielern und Bühnenbild. Auch thematisch ist das Stück aktueller denn je: Hauptfigur ist der reiche, jüdische Kaufmann Nathan, der für Humanität und Toleranz steht und so in der Geschichte die Versöhnung der drei monotheistischen Weltreligionen herbeiführt.

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Auch für junge Theaterbesucher ein heißer Tipp: „Nathan der Weise“. Foto: Bettina Stoess

Am Ende unseres Spazierganges bin ich überzeugt mir schon bald die Arbeit des Jungen Staatstheaters live auf der Bühne anzuschauen und auch eine Karte für die Schneekönigin werde ich mir jetzt bestellen, denn zu alt für ein wenig Theatermagie ist man bekanntlich nie.

Sie haben auch Lust auf einen Theaterbesuch bekommen? Bestens! Dann werfen Sie doch gleich einen Blick in den aktuellen Spielplan des Staatstheaters Braunschweig.

Titelbild: Das Junge Staatstheater hat sich mit dem Tanztheater vereint um mit „Als wir träumten“ ein ganz besonderes Theatererlebnis zu kreieren. Foto: Bettina Stoess

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