Bunt, bunter, Braunschweiger Kult-Kiez

Morgens, halb neun in der Löwenstadt: Während Menschen auf Fahrrädern, in der Tram oder zu Fuß an mir vorbei zur Arbeit zischen, genieße ich die ersten Sonnenstrahlen im Kapai Kaffeehaus in der Friedrich-Wilhelm-Straße. Nein, ich habe keinen Urlaub, sondern einen Interviewtermin mit Falk-Martin Drescher, dem stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden des Friedrich-Wilhelm-Viertel e. V. Mit ihm möchte ich über das sogenannte Kultviertel sprechen.

Der Blick vom Kapai Kaffeehaus in die Friedrich-Wilhelm-Straße. Foto: BSM

Der Blick vom Kapai Kaffeehaus in die Friedrich-Wilhelm-Straße. Foto: BSM

Wir sind schon mitten drin: Keine 30 Meter vom Kohlmarkt entfernt beginnt es nämlich. Warum heißt das eigentlich neben Friedrich-Wilhelm-Viertel auch Kultviertel? „Hier lebt das Unternehmertum von Persönlichkeiten. Der Inhaber steht noch selbst im Laden. Diese Individualität und gesellschaftliche Nähe haben wir zum Markenkern gemacht – sie ist unser Kult. Viele assoziieren damit auch die Gastro- und Clubszene. Das ist sicherlich auch ein Teil des Kults“, erklärt mir Falk-Martin. Er sagt, er brauche seinen Kaffee. Aber wach wird er auch beim Erzählen schnell: Das Kultviertel ist seine Leidenschaft.

Von ganz oben nach ganz unten – und wieder zurück?

Das Kultviertel von oben - vor ein paar Jahren. Seitdem hat sich ein bisschen was getan. Foto: Falk-Martin Drescher

Das Kultviertel von oben – vor ein paar Jahren. Seitdem hat sich ein bisschen was getan. Foto: Falk-Martin Drescher

Wie es zur Gründung des Vereins in 2007  kam, ist so banal wie drastisch: Nachdem der Alte Bahnhof in den 1960er Jahren an seinen heutigen Ort verlegt wurde, verlor das Viertel an Lebendigkeit. Davor, als das Gebäude der heutigen Landessparkasse (LBS) noch von Zügen angefahren wurde, war das Friedrich-Wilhelm-Viertel das Tor der Stadt. „Früher hatte hier jeder, der was auf sich hielt, sein Geschäft“, sagt Falk-Martin Drescher. Doch die Verlegung des Bahnhofs brachte vor allem eins: Ruhe. Zu viel Ruhe und einen schlechten Ruf: „Jahrzehntelang gab es nur negative Presse: Leerstand, Drogen, Sex.“ Doch die Bewohner und Unternehmer des Viertels wehrten sich gegen dieses Bild. „Daraus entstanden mehrere Interessengruppen, von denen unser Verein jetzt noch besteht.“ Und was tut der Verein? „Wir verstehen uns als Netzwerker und Plattform. Es gibt unterschiedliche Interessen – Ladenbetreiber, Anwohner, Clubs und so weiter. Da sehen wir unsere Aufgabe, die Interessen zusammenzubringen.“ Dazu organisiert der Verein einen Stammtisch, ein Quartiersforum und Veranstaltungen wie die Kultviertelnacht.

Wo genau liegt das Kultviertel?

Die Abgrenzung des Viertels sieht laut Falk-Martin Drescher übrigens so aus: Südlich reicht es bis zum Kalenwalll/Bruchtorwall; östlich bis zum sogenannten Döner-Dreieck an der Ecke Waisenhausdamm, nordöstlich grenzt es zum Kohlmarkt an, nördlich reicht es etwa bis zur Martinikirche und westlich bis zum Gieseler Wall/Güldenstraße.

Spaziergang durch das Kultviertel: Friedrich-Wilhelm-Straße

Ich bin ein hibbeliger Mensch. Umso besser, dass ich nun Bewegung bekomme: Falk-Martin Drescher zeigt mir bei einem kleinen Spaziergang seine liebsten Ecken des Kultviertels. Das Kapai Kaffeehaus, das wir gerade verlassen, gehört bereits dazu: „Im Kapai Kaffeehaus oder im Café BRUNS an der Straße zu sitzen und den Trubel zu genießen – das fühlt sich richtig nach Kiez an.“ Dieses Lebensgefühl, das er anspricht, erlebe ich auch: Hier schallt aus einer Bar gegenüber Musik, während ein älterer Mann in Seelenruhe einen Straßenbaum gießt und das Kaffeehaus schon kurz vor neun fast voll ist mit Leuten. Was das Friedrich-Wilhelm-Viertel aber auch ausmacht, sind laut Falk-Martin Drescher die verschiedenen Menschen, die hier auf kleinem Raum zusammenleben: „Ärzte, Rechtsanwälte, Clubs, Bars, Kreativwirtschaft, Prostitution – alles auf einem Fleck.“

Friedrich-Wilhelm-Platz

Die Wolken-Bänke auf dem Friedrich-Wilhelm-Platz. Foto: BSM

Die Wolken-Bänke auf dem Friedrich-Wilhelm-Platz. Foto: BSM

Nur wenige Meter weiter kommen wir am Friedrich-Wilhelm-Platz an. Die wolkenförmigen Bänke, die hier stehen, haben sogar einen Designaward gewonnen. Nachts leuchten sie. Falk-Martin Drescher deutet auf das Gebäude schräg gegenüber: „Ab Anfang nächsten Jahres gibt es hier einen Co-Working-Space“, verrät er. Das hat die Öffentliche Versicherung initiiert. Im 1. Obergeschoss über der LBS sollen rund 30 Arbeitsplätze entstehen. Neben den Büroräumen ist hier aber auch Raum für Kunst: Die schöne Villa von Amsberg soll ein neuer Ausstellungsort für Kunst werden, kann Falk-Martin Drescher berichten. Sie selbst ist eine Augenweide – ebenso wie der Alte Bahnhof.

Der Alte Bahnhof zieht alle Blicke auf sich. Foto: BSM

Der Alte Bahnhof zieht alle Blicke auf sich. Foto: BSM

Seine große spätklassizistische Fassade strahlt in der Morgensonne ganz besonders. Die Braunschweigische Landessparkasse nutzt die Räumlichkeiten und hat in Zusammenarbeit mit der Stadtplanung einen Durchgang in Richtung Volkswagen Halle geschaffen – mit Beleuchtung und roten Wolken-Bänken.

Die Party-Meile, eine Welt für sich.

Die Party-Meile ist tagsüber eher ruhig - ganz im Gegensatz zu nachts. Foto: BSM

Die Party-Meile ist tagsüber eher ruhig – ganz im Gegensatz zu nachts. Foto: BSM

Ich habe in Braunschweig studiert und lernte damals, noch bevor ich eine Vorlesung besucht hatte, die „Meile“ kennen. Das ist der umgangssprachliche Name für den Bereich direkt um die Ecke des Friedrich-Wilhelm-Platzes, in dem sich Bars und Clubs tummeln: „Ich kenne keine andere Stadt in der Größe von Braunschweig, in der man in fünf Minuten 15 Bars und Clubs erreichen kann“, meint Falk-Martin Drescher.

Feiern auf der Meile. Foto: Kultviertel e. V.

Feiern auf der Meile. Foto: Kultviertel e. V.

„Geschätzt kommen fünf- bis achttausend Menschen hier jedes Wochenende von Donnerstag bis Sonntag zum Feiern her.“ Doch jetzt sieht alles unscheinbar aus. „Das sind wirklich zwei Welten“, findet mein Interviewpartner. „Tagsüber laufen hier Geschäftsleute lang, und abends hat man das Gefühl, ganz woanders zu sein.“ Denn dann erwachen die Partygänger.

Zwischen Klingel-Kiosk und Gemeinschaft: Die Südstraße

Klingel-Kiosk: Einfach cool. Foto: BSM

Klingel-Kiosk: Einfach cool. Foto: BSM

Vorbei an den mit Stickern verzierten Fassaden der Clubszene biegen wir nun in die Südstraße ein. Auch hier haben sich viele kleine Läden angesiedelt. „Vor zehn Jahren gab es im Viertel immer zehn oder zwölf Leerstände. Mittlerweile sind es meistens nur noch zwei oder drei – das hat damit zu tun, dass sich die Leute mittlerweile angezogen fühlen von dem Viertel.“ Besonders Gastronomen, Agenturen und Kreativschaffende möchten oft direkt ins Kultviertel ziehen.

Fisch! Foto: BSM

Fisch! Foto: BSM

Der Verein steht dann beratend und vermittelnd zur Seite. Wir schlendern an einem Klingel-Kiosk (das Kiez-Gefühl lässt grüßen), Barber Shop und dem Café BRUNS vorbei. Das Erfolgskonzept des Cafés ist laut Falk-Martin Drescher „Gemeinschaft, Offenheit und Familienfreundlichkeit.“ Deshalb passe es auch so gut ins Kultviertel.

Grüner Bankplatz zum Entspannen


Der Bankplatz wurde in den letzten Jahren umgestaltet – früher diente er als Parkplatz. Fotos: alt: Stadt Braunschweig/Klaus Hornung; neu: Braunschweig Stadtmarketing GmbH/Marek Kruszewski

Wir kommen beim Bankplatz vorbei – einem anderen Lieblingsort von Falk-Martin Drescher. Hier sitzt er gerne in der Vielharmonie, dem Tresor, oder einfach auf einer der Bänke, die den begrünten Platz zum Entspannen mitten in der Stadt ideal machen. Wenn wir es jetzt nicht erst kurz nach neun Uhr hätten, könnten wir auch auf die eine Gehminute entfernte Dachterrassen-Bar Soldekk hinauf. „Da hat man einen fantastischen Blick über die Stadt.“ Diesem Blick kann man sich übrigens auch virtuell mit der Augmented-Reality-Funktion in der App „Entdecke Braunschweig“ ergänzen lassen.

Kleine inhabergeführte Läden am Ziegenmarkt

Falk-Martin Drescher in seinem Rückzugsort, dem LaVigna. Foto: BSM

Falk-Martin Drescher in seinem Rückzugsort, dem LaVigna. Foto: BSM

Der Ziegenmarkt – kein Marktplatz, sondern eine Straße – beherbergt kleine inhabergeführte Läden wie die Galerie Kaphammel, das Tattoostudio Green Pearl oder den Hey Store, einen Concept Store, in dem es Einrichtungsgegenstände und andere ausgewählte Dinge wie Kleidung oder Interieur gibt. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite ist das Restaurant LaVigna. Falk-Martin Drescher zieht sich hierher gerne zurück, wenn er mal weniger Trubel haben möchte: „Im schönen Innenhof vom LaVigna kann ich in Ruhe essen und das Braunschweiger Docle Vita genießen.“

Kommende Veranstaltungen im Kultviertel

Der Weihnachtsmann beim Flashwichteln 2017 auf dem Friedrich-Wilhelm-Platz. Foto: Kultviertel e. V.

Der Weihnachtsmann beim Flashwichteln auf dem Friedrich-Wilhelm-Platz. Foto: Kultviertel e. V.

Was steht denn als nächstes im Kultviertel an? „Das Italian Food Festival am Wochenende vom 14. bis 16. September mit Pizza aus dem Steinofen, Arrosticini vom Holzkohlegrill, Fritto Misto und mehr.“ Als ich Falk-Martin Drescher auf weitere Veranstaltungen anspreche, berichtet er mir begeistert von der Tradition des Flashwichtelns auf dem Friedrich-Wilhelm-Platz. Obwohl doch Sommer ist! Aber er ist jetzt schon voller Vorfreude: „Fremde Menschen schenken sich was – das vermittelt Gemeinschaft. Vergangenes Jahr hatte es sogar ganz knapp vorher noch geschneit, eine tolle Stimmung.“ Dieses Jahr ist das Flashwichteln am 2. Advent um 16:00 Uhr.

Mitgestalten

Sie haben Lust bekommen, das Kultviertel mitzugestalten? Melden Sie sich einfach per E-Mail, Facebook oder Instagram beim Verein. Dieses Jahr stehen noch ein Stammtisch und ein Quartiersforum vor der Tür, zu denen Interessierte herzlich eingeladen sind. Falk-Martin Drescher freut sich über jeden, der sich engagieren möchte: „Das Kultviertel lebt von dem, was die Leute einbringen. Daher bauen wir immer auf neue Menschen, Ideen und Themen.“

Ich persönlich bin sehr gerne im Friedrich-Wilhelm-Viertel und finde es spannend mitzuerleben, was hier noch alles entsteht. Ich freu mich drauf!

Titelbild: Die Friedrich-Wilhelm-Straße in den frühen Morgenstunden. Foto: BSM.

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