Die Erfinder von morgen

In Zeiten von Smartphone, Playstation und Katzenvideos auf YouTube habe ich immer angenommen, dass die Jugend ihre Freizeit am liebsten vor dem Bildschirm verbringt – Sie auch? Aber nicht jedes Kind möchte später Influencer werden – auch Technik und Naturwissenschaften begeistern noch immer. Der beste Beweis dafür ist der 30. Regionalwettbewerb von „Jugend forscht“ und „Schüler experimentieren“, für den über 110 Teilnehmer von 21 verschiedenen Schulen spannende Projekte eingereicht haben.

Der Wettbewerb

Was ist „Jugend forscht“ eigentlich? Der Wettbewerb hat eine lange Geschichte. Schon in den 60er- Jahren wurde er als Antwort auf Kritik am Bildungssystem von stern-Chefredakteur Henri Nannen ins Leben gerufen. Mittlerweile ist „Jugend forscht“ mit bundesweit mehr als 110 Wettbewerben der bekannteste Nachwuchswettbewerb des Landes und sogar der größte Jugendwettbewerb in Europa. Das Hauptziel ist dabei immer, Kinder und Jugendliche für Naturwissenschaften und Technik zu begeistern, neue Talente zu finden und zu fördern.

Bei "Jugend forscht" und "Schüler experimentieren" präsentieren Jugendliche ihre faszinierenden Experimente. Foto: AndreasGreiner-Napp

Bei „Jugend forscht“ und „Schüler experimentieren“ präsentieren Jugendliche ihre faszinierenden Experimente. Foto: Andreas Greiner-Napp

Heute ist der Wettbewerb in „Schüler experimentieren“ (4. Klasse bis 14 Jahre) und „Jugend forscht“ (15 bis 21 Jahre) unterteilt. Wer sich bei einem der Wettbewerbe anmelden möchte, sucht sich ein Thema aus Arbeitswelt, Naturwissenschaft oder Technik aus, dass er dann ergründet. Die gesamte Forschung findet neben dem Schulalltag statt, an vielen Schulen werden die Kinder und Jugendlichen aber auch durch Jugend forscht-Arbeitsgemeinschaften oder besondere Betreuungslehrer bei ihren Projekten unterstützt.

Von E-Shisha bis Drehstromelektromotor

Bei der Siegerehrung im Februar verschaffe ich mir einen Überblick über die vorgestellten Projekte. Auf zwei Etagen präsentieren die Jugendlichen ihre Arbeiten mit Titeln wie „Der intelligente Mixer“, „Sind E-Shishas gesundheitlich bedenklich?“, „Plastik aus Algen“ oder „Untersuchung von Katzenstreu“ und stehen für Fragen bereit.

Als Erstes besuche ich die Etage, auf der die jüngeren Teilnehmer von „Schüler experimentieren“ ausstellen. Sofort fällt mir der Stand von Paul Obernolte ins Auge. Er ist 14 Jahre alt und besucht das Theodor-Heuss-Gymnasium in Wolfsburg. Vor und auf seinem Tisch sind einige elektronische Gerätschaften verkabelt und an den Aufstellwänden hängen komplizierte Schaltpläne. Paul bemerkt meine fragenden Blicke und beginnt sofort zu erklären. Er ist Wiederholungstäter im Fachgebiet Technik, wie viele hier. Schon im letzten Jahr hat er am Wettbewerb teilgenommen und einen Drehstromelektromotor entwickelt.

Paul Obernolte (14) präsentiert mir stolz sein beeindruckendes Forschungsprojekt. Foto: BSM

Paul Obernolte (14) präsentiert mir stolz sein beeindruckendes Forschungsprojekt. Foto: BSM

Heute präsentiert er der Jury eine passende Ansteuerung für diesen Motor. Von der Planung über den Bau der Elektronik bis hin zu eigens entwickelten Schaltkreisen – Paul hat alles selber geschafft. Ich bin sprachlos – die Selbstverständlichkeit, mit der dieser junge Mann mir sein Werk erklärt, ist unglaublich. Nur wenig von dem, was er mir erläutert, verstehe ich – seine Fachkenntnisse übersteigen meine um Längen. Pauls Familie und sein Betreuungslehrer stehen auch am Stand, alle unterstützen ihn so gut sie können. „Nächstes Jahr möchte ich eine eigene App schreiben“, erzählt mir Paul noch stolz, bevor ich weitergehe.

Eine runde Sache

Als Nächstes sehe ich mir den Stand von Linus Klintschar von der Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule in Göttingen an. Mit gerade mal zehn Jahren ist er einer der jüngsten Teilnehmer, muss sich hinter seiner Arbeit zum Fachgebiet Geo- und Raumtechnik aber nicht verstecken. Beim Lesen seiner Plakate lerne ich, dass es heutzutage immer mehr Menschen gibt, die anzweifeln, dass die Erde eine Kugel und keine Scheibe ist. Deshalb hat Linus in seiner Arbeit genau diese Behauptung untersucht. Neben aufwendigen Messungen von Sonne und Polarstern hat der Schüler sich auch sein eigenes Foucault’sches Pendel gebaut, mit dem man die Erdrotation nachweisen kann, und so belegt, dass die Erde rund ist. Wie ein Experte.

Linus Klintschar (10) erklärt, wie er belegen konnte, dass die Erde rund ist. Foto: Andreas Greiner-Napp

Linus Klintschar (10) erklärt, wie er belegen konnte, dass die Erde rund ist. Foto: Andreas Greiner-Napp

Sind Nanopartikel giftig?

Besonders großer Andrang herrscht in der zweiten Etage am Tisch von Hannah Knerich, 18 Jahre, und Clara Brakebusch, 17 Jahre. Vor Ihnen stehen Pflegeprodukte, Milch und Wasser – daneben ein Schild mit der Frage „Was glauben Sie? Wo sind Nanopartikel enthalten?“. Ich muss zugeben – mir ist zwar bekannt, dass besonders im Kosmetikbereich viel Chemie im Spiel ist, aber mehr weiß ich auch nicht. Die beiden Schülerinnen des Wilhelm-Gymnasiums Braunschweig, wollten es aber genauer wissen und haben für das Fachgebiet der Biologie die Auswirkungen von Nanopartikeln auf die Umwelt untersucht. Dabei haben sie selber Zinkoxid-Nanopartikel synthetisiert und dann untersucht, wie sie zum Beispiel auf die Pflanze Wasserpest wirken. Mit einem für mich schockierenden Ergebnis: Sollte einmal eine große Menge dieser Partikel in unser Ökosystem kommen, hätte dies verehrende Auswirkungen auf die Fotosynthese der Natur.

Die Forschung der beiden war sehr langwierig und wie mir berichtet wurde „auf dem Niveau von Laborantinnen“: „Wir haben stundenlang in der Schule experimentiert. Unsere Lehrerin hat uns immer betreut, manchmal auch nebenbei Hausaufgaben korrigiert“, erzählen mir die beiden Mädchen. Mir wird immer klarer, dass neben dem Forscherdrang der Kinder, auch die Unterstützung von Lehrern und Eltern für den großen Erfolg von Jugend forscht unverzichtbar ist.

Die Schülerinnen Hannah Knerich (18) und Clara Brakebusch (17) haben Nanopartikel erforscht. Foto: BSM

Die Schülerinnen Hannah Knerich (18) und Clara Brakebusch (17) haben Nanopartikel erforscht. Foto: BSM

Forschungsregion Braunschweig

Nachdem ich nun einige Blicke auf die Projekte erhaschen konnte, beginnt die große Siegerehrung. Ich erfahre, dass bei uns in Braunschweig der Regionalwettbewerb lange Tradition hat. Dieses Jahr findet er schon zum 30. Mal statt und wird von der Braunschweigischen Stiftung als Pateninstitution und in Kooperation mit der Braunschweigischen Landessparkasse ausgerichtet.

Christoph Schulz, stellvertretender Vorsitzender der Braunschweigischen Stiftung, erzählt in seiner Begrüßungsrede, warum die Stiftung den Wettbewerb unterstützt: „Das Konzept „Jugend forscht“ passt sehr gut zu uns und unseren Zielen. Braunschweig ist eine anerkannte Forschungsregion und hat eine hohe Dichte an Bildungs- und Forschungseinrichtungen. Innovation und Wissen sind deshalb unsere wichtigsten Rohstoffe.“ Warum man deshalb Talente bei Kindern und Jugendlichen früh fördern muss, erklärt er auch gleich: „Wir brauchen Nachwuchs um dringende Zukunftsfragen, zum Beispiel bezüglich Ressourcenverbrauch und Umwelt zu lösen. Die Zukunft können wir nur gestalten, wenn wir weitermachen, schneller machen. Innovation statt Rückwärtsgang.“

In diesem Jahr war das Motto der 53. Wettbewerbsrunde „Spring!“. „Es steht für den Mut, den man haben muss um etwas Neues zu schaffen und neugierig zu sein“, erklärt Wettbewerbsleiterin Marianne Zimmermann dem Publikum.

Strahlende Sieger

Dann werden endlich die Preise verliehen. In allen Kategorien sind die Plätze 1 bis 3 mit einem Preisgeld dotiert. Dazu kommen noch Sonderpreise, zum Beispiel von den Firmen Simtec und Siemens, den Bundesministerien und dem Verein Deutscher Ingenieure. Hannah Kenrich und Clara Brakebusch gewinnen den ersten Platz in Biologie und strahlen über das ganze Gesicht, als sie ihre Urkunde entgegennehmen. Auch Paul Obernolte und Linus Klintschar konnten mit ihren Projekten die Jury überzeugen und den ersten Platz in ihren Bereichen erzielen. Ich freue mich für sie und alle anderen Gewinner.

Sicher im Straßenverkehr - Tim Rennebach (17) und Felizia Räke (18) haben mit ihrer intelligenten Bekleidung den 1. Preis gewonnen. Foto: BSM

Sicher im Straßenverkehr mittels intelligenter Bekleidung – Tim Rennebach (17) und Felizia Räke (18) siegen im Bereich Technik. Foto: BSM

Für alle Erstplatzierten des Regionalwettbewerbs geht es jetzt weiter zum Landeswettbewerb Niedersachsen, der für „Jugend forscht“ vom 12. bis 15. März 2018 in Clausthal Zellerfeld und für „Schüler experimentiert“ vom 05. bis 07. April in Oldenburg stattfindet. Wer sich dort gegen seine Konkurrenz durchsetzen kann, darf im Mai um den bundesweiten Sieg in Darmstadt kämpfen. Ich drücke den Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus Braunschweig für den Wettbewerb meine Daumen. Und egal, wie weit sie kommen – ihre wertvollen Erkenntnisse und ihre große Lust am Forschen und Experimentieren sind für unsere Zukunft bedeutend. Übrigens werden im Rahmen von Jugend forscht jährlich sogar einige Patente angemeldet – das klingt doch vielversprechend!

Wer jetzt motiviert ist, sich mit einem Projekt bei Jugend forscht anzumelden, kann das hier tun. Weitere Informationen zum Wettbewerb finden Sie auch auf den Internetseiten von Jugend forscht und der Braunschweigischen Stiftung.

Titelbild: Paul Obernolte (14) siegt mit seiner selbst entwickelten Ansteuerung für einen Drehstrommotor. Foto: BSM

2 Kommentare zu “Die Erfinder von morgen

  1. autorobert5 autorobert5 sagt:

    Spannender Blog der sich eben nicht mit anbiederndem Thema befasst, sondern sich mit den Jugendlichen befasst, die sich mit der Entwicklung unserer Zukunft beschäftigen. Und das mit bemerkenswerten Ergebnissen.
    Der Blog von Löwestadt ist einfach klasse!

  2. Patrizia Bodeux Patrizia Bodeux sagt:

    Hallo autorobert5, vielen Dank für Dein Lob. Wir freuen uns sehr, dass Dir unsere Beiträge gefallen. Viele Grüße

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