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Das Schöne am Wiederaufbau? Die 50er Jahre

Zu gerne möchte ich diesen Text mit einer Umfrage beginnen: Finden Sie das Bahnhofsgebäude in Braunschweig ästhetisch schön? Auch auf die Gefahr hin, die Leser zu verlieren, die diese Frage mit Nein beantworten. Das Bahnhofsgebäude ist nämlich ein gutes Beispiel dafür, wie die Architektur der 1950er-Jahre wahrgenommen wird. Einige würden sie am liebsten sofort abreißen lassen, andere haben sich daran gewöhnt und stören sich nicht an ihr, für wieder andere gehört sie zur Bau- und Stadtgeschichte dazu und eine Gruppe findet die Bauten der 1950er Jahre richtig schön. Zu dieser Gruppe gehört Bärbel Mäkeler. Folgt man ihrem Blick, wird ein Rundgang durch Braunschweig zu einer Reise in die nahe Vergangenheit.

Wenn man mit Bärbel Mäkeler durch die Stadt geht, zeigt sie zielsicher auf Stilelemente der 50er. Die freiberufliche Lektorin und Texterin ist fasziniert von der Wirtschaftswunderzeit, von den hellen Bonbonfarben, den Cocktailsesseln, schlanken Vasen und Nierentischchen. Irgendwann begann sie sich auch für den Außenraum zu interessieren, den vielen Nachkriegsbauten, die gradlinigen Fensterfronten und geschwungenen Türgriffe – überall entdeckte sie Versatzstücke aus dem Jahrzehnt, das vom Aufbau gekennzeichnet war und beschloss, diese zu dokumentieren. Daraus entstand das Buch Von Flugdächern und Zugvögeln – die Fünfzigerjahre im Stadtbild Braunschweigs. Darüber habe ich mit ihr gesprochen.

Frau Mäkeler, woher kommt die Faszination für die 1950er Jahre?

Bärbel Mäkeler ist häufig mit der Kamera unterwegs. So kann sie die 50er Jahre im Stadtbild festhalten. Foto: Angela von Brill

Bärbel Mäkeler ist häufig mit der Kamera unterwegs. So kann sie die 50er Jahre im Stadtbild festhalten. Foto: Angela von Brill

Ich habe mich schon lange für die Fünfzigerjahre interessiert, vor allem für ihr Design – beispielsweise für Möbel, Stoffe, Haushaltsgegenstände –, deshalb komme ich auch von Flohmärkten selten ohne „Fundstücke“ zurück. Und Partys mit dem Motto Fünfzigerjahre habe ich veranstaltet, auf die jeder Gast im Stil dieses Jahrzehntes gekleidet kommen sollte, und auf denen es Häppchen, die typischen Getränke sowie die Musik der Zeit gab. Aber auch die Aufbauzeit an sich fasziniert mich. Da war so viel möglich … Und das wiedergewonnene Lebensgefühl – nämlich in Frieden lebend, satt und mit dem Nötigen ausgestattet – muss spannend gewesen sein.

Im Vorwort Ihres Buches schreiben Sie, dass am Beginn Ihrer Recherche ein Geschenk Ihres Mannes stand: eine Kamera. Das müssen Sie näher erklären. Was hat die Kamera mit Ihrem Buch zu tun?

Ja, kaum hatte ich sie bekommen, zog ich nach längerer Fotografierabstinenz schon los. Es war ein kalter Winter mit blauem Himmel. Ich hatte also schöne Voraussetzungen für Architekturfotos. Ich begann dann auch recht schnell, mich wieder für die Fünfziger zu interessieren. Die „Blumen“-Neonreklame am Radeklint, die es schon nicht mehr gibt, oder die abgerundeten Balkone in der Rudolphstraße waren meine ersten Ziele. Als ich dann feststellte, dass einige meiner Fotomotive verschwanden, entstand in mir die Idee, dieses Buch zu machen, also die Fünfziger im Stadtbild zu dokumentieren.

Von Fotografien bis zu einem 400-Seiten starken Buch ist es aber noch ein weiter Weg. Wie sind Sie vorgegangen?

Anfangs habe ich fast nur fotografiert. Man könnte ja annehmen, dass man sich dem Thema erstmal akademisch mit Lesen nähert. Ich habe mir den Bollmann-Plan von 1949 genommen und bin die Straßen entlanggegangen, die damals zerstört waren, nun also wieder bebaut sind. Die habe ich dann auf meinem Stadtplan farbig markiert, bis die ganze Innenstadt farbig war. Zwischendurch wollte ich mehr wissen und habe mir Bücher besorgt – über Braunschweig und andere Städte mit einer ähnlichen Vergangenheit. Man kann also sagen, ich bin das Projekt strukturiert unstrukturiert angegangen. Am Ende blieb natürlich noch das Schreiben und Organisieren übrig. Fotografiert habe ich dann nur noch einmal die Objekte, von denen die ers-ten Aufnahmen ästhetisch oder qualitativ nicht gelungen waren. Dabei haben mich meine beiden Buchgestalter sehr unterstützt.

Was erwartet die Leser auf den 400 Seiten?

Erstmal eine Einstimmung in die Zeit: Wie lebte man, wo ging man hin, was unternahm man, was waren die Neuerungen und wie war das Lebensgefühl?

Dann führe ich kurz in die Architekturtendenzen der Fünfziger in Westdeutschland ein, um schließlich auf Braunschweig zu kommen. Hier gehe ich vom Großen zum Kleinen, beginne also bei der Beschreibung von Stadtteilen, komme zu Straßenzügen und beschreibe dann einzelne Gebäude. Eingeflochten sind immer Geschichten von Inhabern, Zeitzeugen, Anekdoten. Den Fassaden widme ich viel Platz, denn da kann man sehr schön zeigen, wie vielfältig die Formensprache der Zeit war. Vor allem Türgriffe, -stangen und Stoßgriffe haben es mir angetan, ich habe rund 100 unterschiedliche Stücke gefunden. Besondere Gebäude, wie Krematorium, Wasserturm und Öffentliche Waage kommen zur Sprache, auch Till Eulenspiegel und eine Betonmauer spielen eine Rolle.

Typisch an Fünfzigerjahre-Bauten sind übrigens Objekte, die das Stichwort „Kunst am Bau“ bedienen. Diese sowie Kunst im öffentlichen Raum kommen natürlich auch im Buch vor. Und nicht zu vergessen sind Beiträge von Gastautoren, die sich ihrem ganz speziellen Interesse widmen, zum Beispiel dem Bahnhof, dem Bohlweg, der Silberquelle, dem „Professoren-Ghetto“ in Melverode, der Neonreklame am Bohlweg oder den Wolken von Jean Arp.

Es ist also eine Art Bestandsaufnahme und Dokumentation der Dinge, die im Stadtraum zu finden sind?

Genau, die Dokumentation begann im Jahr 2012 und endete im Sommer 2014. Seitdem wurden auch schon einige Objekte entfernt. Das heißt, das Buch erfüllt bereits seinen Zweck: Spuren der Fünfziger Jahre zu dokumentieren, bevor sie aus dem Braunschweiger Stadtraum verschwinden..

Dass einige Objekte schon aus dem Stadtbild verschwunden sind, muss Sie doch frustrieren.

Bei einigen Objekten kann ich es einfach hinnehmen, aber bei anderen war ich entsetzt und auch traurig, z. B. bei der City-Filmtheater-Neonwerbung und der dazugehörigen bunten Fliesenwand am damaligen Kino. Ich hoffe, mit diesem Buch ein wenig für die Zeit zu sensibilisieren und wünsche mir, dass öfter darüber nachgedacht wird, ob man besondere Stücke der Zeit nicht erhalten könnte. Der Eingangsbereich des Katasteramtes ist solch ein positives Beispiel. Man hätte dort einen modernen Eingang schaffen können, aber der tolle in allen Details typische Eingangsbereich wurde erhalten, sieht gepflegt und hochwertig aus. Hier trifft man auf Rundungen, Schrägen, zeittypische Bauformen, Materialien und die Großzügigkeit der Zeit. Zeitlos schön, sage ich dazu (schmunzelnd).

Ihr Buch ist kein klassisches Architekturbuch, ein Kapitel heißt zum Beispiel „Öffentliche Gebäude als Spiegel einer neuen Gesinnung“. Welchen Einfluss hatten Gesellschaft und Politik auf die Architektur?

Nach dem Krieg war man natürlich bestrebt, die Gräuel des Nationalsozialismus aus den Köpfen zu verbannen. Eine Möglichkeit dazu war auch die Architektur. Neue Gebäude konnten die positive Aufbruchstimmung mit Transparenz, Offenheit und Klarheit demonstrieren, aber auch den neuen Schwung und eine gewisse Leichtigkeit vermitteln. Hier denke ich zum Beispiel an die dynamischen Treppen in großzügigen verglasten Treppenhäusern. Auch der Rasterbau kann als Merkmal einer neuen Gesinnung gewertet werden. Ein Architekturhistoriker schrieb dazu: „Hinter der Anonymität der Rasters wurden alle gleich.“ Der Stadtbaurat von Braunschweig von 1945 bis 1953, Johannes Goederitz, hat die Zeit für mich mit einem anderen Satz verdeutlicht: „Ornamentale Verzierungen liegen unserer Zeit nicht.“

Das Buch ist nun druckfrisch erschienen, Ihre Lust an den 50er Jahren aber sicher noch nicht gestillt. Was kommt jetzt?

Gern würde ich in das Thema Kunst der Fünfziger weiter eintauchen. Ich könnte mir aber auch vorstellen, die gesamte öffentliche Kunst im Stadtbild Braunschweigs zu dokumentieren.

Vielen Dank für das Gespräch.

Hinweis Stadtrundgang
Das Buchcover. Copyright Martin Simon Müller, Peter Mayer.

Copyright Martin Simon Müller, Peter Mayer.

Am Samstag, den 13. Dezember bietet die Autorin des Buches „Von Flugdächern und Zugvögeln – die Fünfzigerjahre im Stadtbild Braunschweigs“ einen Stadtrundgang durch die Fünfziger an. Die Tour dauert rund 1,5 Stunden und führt vorbei an 1950er-Jahre-Gebäuden und öffentlicher Kunst dieser für Braunschweig so wichtigen Epoche. Bärbel Mäkeler weist auf typische Merkmale der Architektur hin, erzählt Hintergrundgeschichten und zeigt den Teilnehmern der Tour besondere Accessoires der Wirtschaftswunderzeit.
Beginn: 14 Uhr, Treffpunkt: Sparda-Bank am Ritterbrunnen, Kosten: 5 Euro.

(Artikelbild: Bärbel Mäkeler)

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