Pilzzeit in Braunschweig und Region

Ich esse schon immer gerne Pilze und freue mich jedes Jahr auf die Hochsaison von Pfifferling & Co. Sie jedoch selbst zu sammeln, habe ich mich bislang nicht getraut. Das soll sich jetzt ändern: Nach einer Pilzwanderung im Landschaftsschhutzgebiet Ohe in Destedt (Cremlingen) mit dem Experten Harry Andersson habe ich richtig Lust auf weitere erfrischende Waldspaziergänge, bei denen ich Pilze – wenn ich sie sicher erkenne – auch mit nach Hause nehme und mir ein leckeres Gericht koche.

Harry Andersson in seinem Element. Foto: BSM

Harry Andersson in seinem Element. Foto: BSM

Die Pilzwanderung startet an einem Sonntagvormittag in Destedt an der Schule, von wo wir schnell den Wald Ohe erreichen. Wir, das sind der aufgeschlossene Harry Andersson, Pilzssachverständiger der Deutschen Gesellschaft für Mykologie und heute unser Fachmann, und etwa zwanzig Pilzfreunde wie mich. Unser Experte bezeichnet sich selbst trotz seiner fast 40-jährigen mykologischen Erfahrung als Amateur. Dies aber vor allem, um die Liebe zu seinem Hobby zu unterstreichen, denn: „In dem Wort Amateur steckt amare, das aus dem Lateinischen kommt und lieben bedeutet“.  „Mykologie“ ist übrigens die Wissenschaft von Pilzen.

Korallenpilze überraschen mit ihrer Erscheinung, die an Meereskorallen erinnern. Foto: BSM

Korallenpilze überraschen mit ihrer Erscheinung, die an die bekannten Meereskorallen erinnern. Foto: BSM

Harry Anderssons Begeisterung für Pilze überträgt sich direkt auf unsere Gruppe: Alle Augenpaare suchen eifrig den Waldboden ab, um möglichst viele Pilze zu entdecken. Einer der ersten Pilze, die wir sehen, gehörte einer mit dem Geruchssinn besonders interessant zu erlebenden Art an: Der Anistrichterling duftet nach – Sie werden es erraten – Anis. Nachdem wir erst einmal ein wenig Übung haben, sehen wir plötzlich immer mehr Pilze: An Bäumen, auf totem Holz, zwischen Laub. Dabei sind dicke Runde, elegant Langstielige, Unscheinbare und leuchtend Bunte. Die Vielfalt überrascht Harry Andersson nicht: „Dieses Jahr gibt es durch das feuchte Wetter besonders gute Bedingungen für viele Arten.“

Die duftenden Anistrichterlinge (links) und Violette Lacktrichterlinge. Foto: BSM

Die duftenden Anistrichterlinge (links) und Violette Lacktrichterlinge. Foto: BSM

Mich interessiert besonders Harry Anderssons Wissen rund um die spezielle Lebensform, die wir „Pilze“ nennen und die weder zu den Tieren noch zu den Pflanzen gehört. Allgemein lassen sich Pilze in drei Gruppen einsortieren: Parasiten, Zersetzer und solche, die eine Symbiose mit Bäumen eingehen. In Niedersachsen gibt es über 3.000 verschiedene Arten von Großpilzen, das heißt von Pilzen, deren Fruchtkörper größer als ein halber Stecknadelkopf sind. Falls Sie über den Begriff „Fruchtkörper“ stolpern, sind Sie nicht allein. Harry Andersson erklärt uns: „Der Pilz besteht nicht nur aus dem überirdischen sichtbaren und zur Verbreitung der Sporen hervorgebrachten Fruchtkörper, sondern auch aus dem unterirdisch liegenden feinverästelten Pilzmyzel“.

„Schaut mal hier“, höre ich einen Mitsammler rufen. Er ist auf violette Lacktrichterlinge gestoßen, die uns vom Waldboden aus anstrahlen. In kleinen Mengen sind die violetten Schönheiten sogar essbar, erklärt Harry Andersson. Weil Lacktrichterlinge in ihren Fruchtkörpern jedoch Arsen ansammelt, sollte die verspeiste Portion nicht größer ausfallen. Über 40 Pilze sammeln wir in zweieinhalb Stunden und breiteten sie danach zur gemeinsamen Besprechung auf einem Tapeziertisch in der Herbstsonne aus.

Nach der pilzwanderung breiteten wir unsere Funde auf einem Tapeziertisch aus. Foto: BSM

Nach der pilzwanderung breiteten wir unsere Funde auf einem Tapeziertisch aus. Foto: BSM

Unter unseren Funden sind wenige für den Menschen genießbare und ungefährliche Arten. Das liegt, so Harry Andersson, vor allem daran, dass sie in den Braunschweiger Wäldern nicht so oft vorkommen. Weit fahren muss man jedoch nicht, um hervorragende Sammelbedingungen vorzufinden: In den Wäldern in Richtung Gifhorn, Celle, Wolfsburg und in der Heide finden Sammler viele verschiedene beliebte Speisepilze. Wetterabhängig von Mitte August bis Anfang November ist hierfür die Hochsaison, aber auch im Winter sammeln manche Pilzbegeisterte weiter: So hat beispielsweise der Austernseitling ein richtiges „Frostschutzmittel“, das seinen Fruchtkörper vor den Auswirkungen der Kälte bewahrt.

Auch wenn das Pilzsammeln romantisch daherkommt, einfach ist es nicht. Harry Andersson warnt, dass nur sehr gut informierte Menschen Speisepilze sammeln sollten und bei Unsicherheit der Pilz einfach stehen bleiben soll. Nicht gestattet ist übrigens das Sammeln in Naturschutzgebieten. Außerdem stehen manche Arten, wie zum Beispiel die hübschen bunten Saftlinge, unter Naturschutz. Beim Pilzsammeln gilt: „Nur für den Eigengebrauch“, so Harry Andersson. Für alle wie mich, die noch unsicher beim Sammeln sind, sind die regionalen Wochenmärkte einen Besuch wert. Auch hier gibt es frische Pilze und das Sammeln übernehmen Profis.

Besonders berüchtigt ist der grüne Knollenblätterpilz, der jedes Jahr für Vergiftungen auch in unserer Region verantwortlich gemacht wird. Auch er landete auf unserem Tapeziertisch. Foto: Harry Andersson

Besonders berüchtigt ist der grüne Knollenblätterpilz, der jedes Jahr für Vergiftungen auch in unserer Region verantwortlich gemacht wird. Auch er landete auf unserem Tapeziertisch. Foto: Harry Andersson

Für den Anfang schlägt Harry Andersson unerfahreneren Sammlern vor, Maronenröhrlinge, Rotfüßchen und Steinpilze zu suchen: „Mit Arten, die auf der Unterseite des Hutes Röhren, also einen Schwamm, besitzen, geht man höchstens das Risiko einer Magen-Darm-Vergiftung ein. Unter diesen Pilzen gibt es bei uns aber keine tödlich giftigen Arten“. Außerdem praktisch für Anfänger: Das Naturhistorische Museum bietet dieses Jahr noch fünf Mal eine bis auf den Eintrittspreis für das Museum kostenlose Fundberatung an (Termine siehe unten).

Von der herbstlichen Pilzwanderung ganz entspannt verabschiede ich mich von der Gruppe und Harry Andersson. Vorher frage ich aber noch, was ich beim Pilzkauf beachten sollte. Er erklärt: „Nur frische Pilze landen im Einkaufskorb. Sie riechen gut und sind frei von dunklen Druckstellen. Pfifferlinge zum Beispiel sind frisch immer gelb und nie braun“.

Zum Schluss gibt Harry Andersson noch einen scherzhaften Rat: „Das Gesündeste am Pilzsammeln ist der Waldspaziergang.“ Auch ich finde, Spaß macht die Bewegung an der frischen Luft und das Entdecken von schönen Pilzen allemal.

Sammeln Sie Pilze?

Links:

Harry Anderssons Internetseite

Informationen zum Verhalten bei Vergiftungen

Wochenmärkte in Braunschweig

Veranstaltungstipps:

Vortrag von Harry Andersson „Im Reich der Speisepilze“ am 5. November um jeweils 11:00, 13:00 und 15:00 Uhr beim Familiensonntag des Waldforums Riddagshausen. Der Eintritt ist frei.

Vortrag von Harry Andersson „Pilze an Holz“ am 9. November um 19.00 Uhr, „Fümmelsee Terrassen“ in Wolfenbüttel. Der Eintritt ist frei.

Einsteigerseminar mit Exkursion für Erwachsene und Jugendliche vom Naturhistorischen Museum Braunschweig am 8. Oktober von 17:00 – 18:45 Uhr.

Kostenlose Fundberatung im Naturhistorischen Museum Braunschweig:

28. September, 14:00 – 17:00 Uhr,

11. Oktober, 14:00 – 17:00 Uhr,

12. Oktober, 14:00 – 17:00 Uhr,

15. Oktober, 10:00 – 17:00 Uhr,

19. Oktober, 14:00 – 17:00 Uhr.

Titelbild: Der Wald lädt besonders im Herbst zu Pilzwanderungen ein. Foto: BSM

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