„Intuition, eine gute Schreibe, Vorstel-lungsvermögen“

„Mord auf der Oker“ – die kriminalistischen Lesungsfahrten begeistern seit über zehn Jahren durch ihre besondere Atmosphäre Braunschweiger und Touristen. Braunschweiger Krimi-Autoren lesen aus ihren Werken, während die Flöße langsam über die Oker treiben. Auf dem Wasser, gleichzeitig mitten im Grünen und abseits vom bunten Treiben der Großstadt, eröffnet sich dabei ein ganz neuer Blick auf die Löwenstadt. Wir stellen Ihnen in diesem Jahr drei der sechs Autoren von „Mord auf der Oker“ vor.

Den Anfang macht Hardy Crueger. Er lebt und arbeitet als freiberuflicher Schriftsteller in Braunschweig. Nach einer Facharbeiter-Ausbildung studierte er Geschichte und Soziologie. Crueger hat bereits sieben Romane und über 60 Kurzgeschichten veröffentlicht. Zudem produziert er Hörbücher, gab bisher vier Anthologien heraus, organisiert Literatur-Veranstaltungen und inszeniert Aktions-Lesungen. 2006 gründete er die KrimiWerkstatt Braunschweig. Aktuell arbeitet er am zweiten Teil seiner Okergeschichten.

Das Wetter ist bei unserem Treffen sonnig, weshalb wir uns in den begrünten Innenhof setzen können. Wir unterhalten uns fast eine Stunde. Hardy Crueger wirkt entspannt und erzählt begeistert von seiner Arbeit und seinen Geschichten. Wie strukturiert er seinen Arbeitsalltag angeht, beeindruckt mich am meisten. Ich hoffe, ich kann mir für meine bevorstehende Bachelorarbeit von seiner Disziplin eine Scheibe abschneiden.

Herr Crueger, wie würden Sie Mord auf der Oker beschreiben?
Hardy Crueger: Interessant, spannend, manchmal auch lustig. Jeder Autor macht zwar andere Lesungen, aber es sind immer selbst geschriebene Krimis oder Kriminalromane. Oft spielen diese in Braunschweig oder der Region. Ich zum Beispiel schreibe kurze Okergeschichten, die wirklich alle auf oder an der Oker oder an einem ihrer Zuflüsse spielen. Meine Geschichten sind zehn bis zwanzig Minuten lang und ich lese dann meistens so vier bis fünf von ihnen vor. Das ist besser für das Publikum, da sie die ganze Geschichte hören und nicht wie bei einem Roman nur einen Auszug.

Was macht den Reiz eines Regionalkrimis aus?
Hardy Crueger: Ich schreibe nicht unbedingt nur Regionalkrimis. Man braucht aber sowieso einen Spielort für eine Geschichte und da liegt es nahe, dass man eine Region oder einen Ort nimmt, an dem man sich auskennt. Warum sollte ich einen Krimi in München spielen lassen? Da war ich noch nie, da kenne ich mich nicht aus. Hier kann ich an einem Wochenend-Ausflug mehrere Spielorte meiner Geschichten besuchen. Regionalkrimis sind ein Genre, das bei den Lesern sehr gut ankommt.

Was ist das Besondere an Ihren Krimis?
Hardy Crueger: Ich begleite oft den Täter oder das Opfer während der Tat oder kurz davor bis kurz danach. Es gibt nicht immer eine Aufklärung. Ich beschäftige mich eher damit, wie so eine Tat zustande kommt. Wie ist der Täter konstruiert und warum handelt er so, wie er handelt? Warum sucht er sich gerade dieses Opfer aus? Diese Fragen stehen dann eher im Vordergrund als der Kriminalfall und dessen Aufklärung. Nicht umsonst sage ich, dass meine Geschichten kurze Crime-Stories und Psychothriller sind. Trotzdem haben alle Geschichten ein kriminelles Element: Eine Person begeht eine furchtbare Tat.

Welche Eigenschaften sollte ein guter Krimiautor mitbringen?
Intuition, eine gute Schreibe und Vorstellungsvermögen, um in den Kopf eines anderen schauen zu können. Ein Schriftsteller sollte außerdem mit offenen Augen durch die Welt gehen. Und Schreiben hat auch viel mit Gefühl zu tun. Autoren sollten versuchen, irgendetwas im Hörer oder Leser zum Klingen zu bringen. So wie man es ja auch im alltäglichen Leben macht, wenn man eine Geschichte erzählt.

Wie sieht Ihr Alltag als Schriftsteller aus?
Hardy Crueger: Die effektivste Zeit zum Schreiben ist bei mir morgens um Acht, halb Neun bis mittags um Zwölf. Da bin ich am frischesten, am aktivsten und kann mich am besten in Personen hinein versetzen, Szenen aufbauen und beleuchten. Nach dem Mittag sackt das total ab. Hin und wieder gibt es dann abends zwischen Acht und Zehn nochmal eine Phase. Der Nachmittag ist vorbehalten für Kommunikation und Lesungsakquise. Montags findet oft die KrimiWerkstatt statt. Aktuell arbeiten wir da authentische Mordfälle aus Braunschweig auf.

Es klingt so, als sei Ihr Tagesablauf ziemlich strukturiert.
Hardy Crueger: Ja, sonst schaffe ich ja nichts. Von einem einzigen Roman kann man schlecht leben. Es sei denn natürlich, es wird ein Bestseller und in 50 Sprachen übersetzt. Wenn man nicht schreibt, kann man auch nichts verkaufen, ganz klar. Aber ich habe ja ganz viele Ideen und hoffe, sie überhaupt noch alle auf Papier bringen zu können. Denn wenn man eine tolle Idee hat und über Jahre nicht dazu kommt, daran zu arbeiten, kann das richtig wehtun. Deswegen muss man wirklich am Ball bleiben.

Recherchieren Sie gezielt nach Ereignissen, die als Grundlage für Ihre Geschichten dienen oder laufen die Ihnen einfach über den Weg?
Die laufen mir oft einfach über den Weg. Zum Beispiel im letzten Herbst ist nördlich von Braunschweig eine alte Dame verschwunden. Sie wurde fast einen Tag später im Morast der Okeraue gefunden, bis zum Hals eingesunken, aber lebend und bis auf eine Unterkühlung unversehrt. Daraus mache ich eine Geschichte, ganz klar. Manchmal suche ich mir aber auch einen Spielort aus und stricke eine Geschichte drum herum.

Gibt es Schriftsteller oder Werke anderer Schriftsteller, die Sie besonders bewundern oder inspirieren?
Hardy Crueger: Ja, natürlich. Eine Zeit lang fand ich Stephen King ganz gut, obwohl er natürlich kein Kriminalroman-Autor ist. Aber die Art und Weise solche Geschichten aufzubauen und zu schreiben, ist ja die gleiche. Eine meiner Geschichten ist eine Adaption von „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ von Daphne du Maurier. Sie hat in den Zwanzigern Kurzromane verfasst. Auch Alfred Hitchcocks „Die Vögel“ basiert beispielsweise auf einer ihrer Geschichten. Das sind schon großartige Inspirationen.

 

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Informationen

Termine: freitags, samstags und sonntags um 20 Uhr
Zusatztermine: Juni bis August: samstags um 19 Uhr
Treffpunkt: OkerTour Anleger, John-F.-Kennedy-Platz/
Kurt-Schumacher-Straße, direkt an der Brücke
Dauer: ca. 1,5 Stunden
Mindestteilnehmerzahl: 15 Personen
Preis: 18 € pro Person bei öffentlichen Lesungen
Gruppen ab 18 Personen: 18 € pro Person

Termine für die Lesungen von Hardy Crueger:

Samstag, 16.5.
Sonntag, 7.6.
Samstag, 27.6.*
Sonntag 19.7.
Samstag 1.8.*
Freitag 21.8.
Sonntag 30.8.
Freitag, 11.9.

*Zusatztermin 19 Uhr

Tickets für Mord auf der Oker können auf Braunschweig.de oder in der Touristinfo, kleine Burg 14, gebucht werden.

 

(Artikelbild: Hardy Crueger)

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