Mode im Herzen

Als ich den Laden Fifty Fifty 2nd Hand Fashion im Handelsweg betrete, ist Inhaberin Marion Ley gerade in ein Dokument vertieft. „Papierkram gehört eben auch dazu“, sagt sie schmunzelnd. Aus ihren blauen Augen blitzt genauso viel Lebensfreude wie aus den bunten Kleidern, Shirts und Jacken, die aneinandergereiht an den Kleiderbügeln hängen. „Ich hole uns erstmal einen leckeren Cappuccino aus dem Riptide“, beschließt sie und entschwindet auch schon durch die Tür.

Während ich warte, schaue ich durch die bodentiefen Schaufenster auf den Handelsweg: Es ist schon muggelig hier am ehemaligen Sedan Bazar. Die Passage wurde 1872 eingeweiht und später in Handelsweg umbenannt. Bis heute sind noch die Kuppelaufleger und das ehemalige Mauerwerk erhalten geblieben, die verglaste Kuppel wurde im Krieg zerstört und nicht wieder aufgebaut.

Inhaberin Marion Ley lebt ihren Traum vom eigenen Laden. Foto: BSM

Inhaberin Marion Ley lebt ihren Traum vom eigenen Laden. Foto: BSM

Als Marion Ley zurückkommt, hält sie zwei Tassen in der Hand – mit Keks. Wir setzen uns auf die rote Bank vor dem Laden und unterhalten uns darüber, wie Marion Ley vor 3,5 Jahren das Geschäft eröffnete, sie erzählt von ihrer Leidenschaft für Mode und was ihr an ihrer Arbeit besonders am Herzen liegt.

Fünf Dinge sind mir dabei aufgefallen, für die es sich lohnt, einen Abstecher ins „Fifty Fifty 2nd Hand Fashion“ zu machen:

1. Individuelle Mode

Das Konzept ist halb Secondhand-Ware, halb Neuware. Allen gemeinsam ist, dass es sich um Einzelteile handelt, ein bisschen Zeit zum Stöbern sollte man also mitbringen. Bei den gebrauchten Kleidungsstücken (vom Eingang aus rechts) ist Marion Ley nicht auf Vintage ausgerichtet. Sie nimmt das an, was ihr gebracht wird. Natürlich müssen die Sachen gereinigt sein und möglichst nicht älter als fünf Jahre. „Von Prada bis H&M findet man bei mir alles.“

Sieht aus wie Leder, ist aber kein Leder. Taschen für Veganer findet man auch bei Fifty Fifty. Foto: BSM

Sieht aus wie Leder, ist aber kein Leder. Taschen für Veganer findet man auch bei Fifty Fifty. Foto: BSM

Aktuelle Trends und Teile aus Vertreterkollektionen präsentiert Marion Ley auf der gegenüberliegenden Seite. Das sind Musterkollektionen, die Vertreter auf Messen oder in Showrooms zeigen, teilweise Erstmuster und Einzelstücke, die in der später produzierten Verkaufskollektion so oder gar nicht auftauchen. Da die Standardmaße 36/38 betragen, haben Frauen mit diesen Konfektionsgrößen eine größere Auswahl. Lederfreie Taschen von Fritzi aus Preußen führt sie, weil sie weiß, dass das Riptide veganes Essen anbietet. „Wir leben auch ganz gut voneinander, die Synergie ist ganz toll hier.“

2. Nachhaltigkeit
Klare Trennung: Auf der Seite mit den Umkleidekabinen hängen die Secondhand-Kleider, auf der gegenüberliegenden Seite die Kleidung von Vertretern. Foto: BSM

Klare Trennung: Auf der Seite mit den Umkleidekabinen hängen die Secondhand-Kleider, auf der gegenüberliegenden Seite die Kleidung von Vertretern. Foto: BSM

Ich bin ein Fan davon, dass Kleidung nach dem Erstträger nicht weggeworfen, sondern weitergegeben wird. Für Menschen wie mich veranstaltet Marion Ley zweimal im Jahr eine Fashionbörse. „Die habe ich angefangen, als ich in der Modeagentur gearbeitet habe. Wir hatten immer sehr viele Musterteile und meine Chefin wusste nicht, wohin damit. Da bot ich ihr an, bei mir im Hinterhof privat einen Flohmarkt zu veranstalten – die erste Fashionbörse. Als ich ihr dann Montag das Bargeld auf den Tisch gelegt habe, meinte sie: ,Mensch, Du bist ja geschäftstüchtig!‘.“ Heute findet die Fashionbörse in der Brunsviga statt. Hier landen die Sachen, die ihre Kunden bei ihr in Kommission geben, es dann aber nicht in das Ladensortiment von „Fifty Fifty 2nd Hand Fashion“ schaffen. Der gesamte Erlös geht an Ingenieure ohne Grenzen. Die Neuware aus den Vertreterkollektionen stammt überwiegend aus Fairtrade-Produktion.

3. Frau vom Fach und mit Leidenschaft

Eins vorweg: Marion Ley macht wirklich alles allein: Einkauf, Verkauf, Werbung inklusive Facebook. Die gelernte Damenschneiderin machte mit Anfang 30 eine Umschulung als Mediengestalterin und arbeitete anschließend in diversen Werbeagenturen, bis sie schließlich in einer Modeagentur landet und nach einigen weiteren Jahren acht Monate die Filialleitung eines Modegeschäfts übernahm.

Klare Trennung II: Die Hosen sind nach Farben sortiert. Foto: BSM

Klare Trennung II: Die Hosen sind nach Farben sortiert. Foto: BSM

Als Schneiderin habe sie bereits wahnsinnigen Spaß daran gehabt, Kleidungsstücke zu recyceln, erzählt sie. Verschiedene Kleidungsstücke zusammenfassen und daraus ein Einzelstück zaubern. „Ich habe mich nie gescheut, in Secondhand-Läden zu gehen, auch mit 15 Jahren nicht. Ich habe die alten Klamotten aus den 50er-Jahren meiner Oma aufgetragen. Die Schnitte haben mich fasziniert. Deswegen bin ich auch Schneiderin geworden.“

4. Ehrliche Beratung

Marion Ley ist es wichtig, ihren Kunden nichts zu verkaufen, das ihnen nicht passt. Sie lässt sie von ihrer Erfahrung als Schneiderin profitieren. Wenn ihr auffällt, dass kleine Veränderungen die Passform perfekt machen, empfiehlt sie beispielsweise den Reißverschluss oder den Knopf zu versetzen oder einen Abnäher machen zu lassen.

Was innerhalb einer bestimmten Zeit nicht verkauft wird, geht zurück an den Besitzer oder wandert zur Kleiderbörse. Foto: BSM

Was innerhalb einer bestimmten Zeit nicht verkauft wird, geht zurück an den Besitzer oder wandert zur Kleiderbörse. Foto: BSM

Ihre Kunden seien nicht markenorientiert, Laufkunden habe sie eher nicht, die meisten Frauen finden den Weg über eine Empfehlung zu ihr. „Es passiert häufiger, dass jemand reinkommt und sagt: Eine Freundin hat mir empfohlen, ich sollte doch mal vorbeischauen.“ Auch Motto-Partygänger gehören gelegentlich zu ihren Kunden. Es empfiehlt sich übrigens immer, Marion Ley direkt anzusprechen. „Dann gucke ich nochmal hinten im Lager nach, da gibt es auch noch ein paar Schätze.“

In größeren Modehausketten verschwindet man als Kunde in der Masse und kann sich entspannt umsehen. In kleineren Geschäften hingegen (insbesondere wenn ich die einzige Kundin im Laden bin) fühle ich mich manchmal ein wenig „unter Beobachtung“ der Verkäuferin. Ich hoffe dann, dass sie mich erstmal in Ruhe ankommen und schauen lässt. Bei Marion Ley habe ich die Befürchtung nicht. „Wer eine Beratung wünscht, bekommt sie gerne. Ich erkläre, wie der Laden aufgebaut ist und wo die Sachen herkommen. Ich zwinge aber niemandem etwas auf. Ich gehe hier keinem auf den Keks.“ Dass Marion Leys Beratungskonzept funktioniert, erkennt man an der Anzahl der Reklamationen: Null seit über drei Jahren.

5. Braunschweigs älteste Passage
Zeit zum Stöbern sollte man mitbringen: Fast alles sind Einzelstücke. Foto: BSM

Zeit zum Stöbern sollte man mitbringen: Fast alles sind Einzelstücke. Foto: BSM

Viele mögen den Trubel beim Shoppen nicht. Der Handelsweg ist perfekt für alle, die es lieber entspannt mögen. Die älteste Passage in Braunschweig ist nicht mehr und nicht weniger als eine gemütliche Gasse, in der sich verschiedene Gastronomen, Einzelhändler und Künstler angesiedelt haben. „In den 80er-Jahren war hier total die Kneipenszene, auch eine Diskothek im Keller gab es. Viele, die die Zeit miterlebt haben, kommen vorbei und schauen, wie es hier heute aussieht.“

Einmal im Jahr veranstalten die Inhaber zusammen ein Straßenfest. Der nächste Sedan Bazar im Handelsweg findet am 27. Juni mit Flohmarkt, Leckereien und anderen Aktionen statt.

Auf meine Frage hin, wie sie denn eigentlich den Laden entdeckt habe, antwortet Marion Ley schlicht: „2011 hatte ich einen Friseurbesuch um die Ecke. Da bin ich durch den Handelsweg gegangen und habe den Laden gesehen, der leer stand. Irgendwie hat der mich gerufen.“

Informationen

Fifty Fifty 2nd Hand Fashion
Handelsweg 5-7
38110 Braunschweig
Telefon: (05 31) 61 99 87 37

Öffnungszeiten:
Di.-Fr. 11 – 18 Uhr
Sa. 12 – 16 Uhr
Mo. geschlossen

(Artikelbild: BSM)

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