Diese Filme müssen Sie sehen!

Vom 7. bis zum 13. November feiert das Braunschweig International Film Festival sein 30. Jubiläum. Was 1987 als studentisches Projekt begann, zählt heute zu den Top 10 der deutschen Filmfestivals. Das zeigt sich auch an den internationalen Stars, die zur Entgegennahme der Trophäe „Die Europa“ bereits die Löwenstadt beehrten: John Hurt, Stellan Skarsgård, Mads Mikkelsen, Carmen Maura… und dieses Jahr der Ire Brendan Gleeson, bekannt aus den Hollywood-Produktionen Braveheart, Troja, Harry Potter und rund 90 weiteren Filmen. Aber im Mittelpunkt der Braunschweiger Filmwoche stehen natürlich nicht die Promis auf dem roten Teppich, sondern die Vielzahl exquisiter Filme für uns Zuschauer. Da beim diesjährigen Rekordprogramm mit mehr als 340 Produktionen aus über 50 Ländern die Orientierung schwerfällt, habe ich die Preview besucht, den 160 Seiten starken Programmkatalog vorwärts und rückwärts gewälzt – und stelle nun meine persönlichen Highlights vor!

The Paradise Suite

Im Wettbewerb um die Trophäe „Der Heinrich“ steht die niederländische Produktion „The Paradise Suite“ des jungen Regisseurs Joost van Ginkel. „Die erschütternden Schicksale von sechs Immigranten in Amsterdam verflechten sich zu einem poetischen Mosaik“, so die Unterzeile, und schon der Trailer sorgt bei mir für Gänsehaut und einen Kloß im Hals. Zwei dieser Schicksale sind das der Bulgarin Jenya und des Afrikaners Yaya. Jenya wird aus ärmlichen Verhältnissen mit dem Versprechen einer Model-Karriere nach Amsterdam gelockt und gerät in die Zwangsprostitution. Yaya möchte arbeiten, um seine Familie zu ernähren, doch eine Chance eröffnet sich ihm nur im kriminellen Milieu. Dann sind da noch ein serbischer Kriegsverbrecher, eine bosnische Vertriebene sowie ein junger schwedischer Klaviervirtuose und sein vom Ehrgeiz zerfressener Vater. Ein bildgewaltiges Schauspiel mit meisterhaft verwobener Story über gescheiterte Träume und verbliebene Hoffnung in einer globalisierten Welt, die scheinbar nur noch ein Überleben des Stärkeren kennt.

The Handmaiden

„Im japanisch besetzten Korea lebt die junge Adlige Hideko mit ihrem dominanten Onkel auf einem schlossähnlichen Anwesen. Um an ihr Erbe zu kommen, schleust ein falscher Graf die Diebin Sookee als Dienstmädchen ein. Doch nichts ist wie es scheint in diesem doppelbödigen Thriller, in dessen weiterem Verlauf lesbische Liebe, obsessive Bücherleidenschaft und Hokusai’s Krake eine Rolle spielen werden.“ In der Reihe „Neues internationales Kino exklusiv“ läuft mit „The Handmaiden“ eine Deutschlandpremiere des südkoreanischen Kult-Regisseurs Chan-wook Park. Das ist der Macher von Meisterwerken wie „Oldboy“ (2003), „Lady Vengeance“ und „Sympathy for Mr. Vengeance“. Nicht mehr wirklich Arthouse, aber eben sowas wie der fernöstliche Quentin Tarantino und jede Einstellung ein Gemälde. Wer dem nicht abgeneigt ist und ein Faible für knallharte Mystery-Thriller hat, wird sicher nicht enttäuscht. Mein persönliches Highlight des diesjährigen Filmfestivals erhält von mir vorab und ungesehen 9 von 10 lebendig verspeisten Tintenfischen auf der nach oben offenen Rache-Skala.

Die Blumen von gestern

Eine Komödie zum Thema Holocaust? Eine Komödie aus Deutschland? Eine deutsche Komödie zum Thema Holocaust? Das sind ja gleich drei potentielle Debakel auf einmal… So heikel und zerbrechlich das Thema, so überraschend zuversichtlich stimmt mich der Ausblick auf Chris Kraus’ („Vier Minuten“) Deutschlandpremiere „Die Blumen von gestern“ in der Reihe „Neue deutsche Filme“. Ein deutscher Holocaust-Forscher und NS-Nachfahre trifft bei seinen Vorbereitungen zu einem Auschwitz-Kongress eine französische Forscherin mit jüdischen Wurzeln, deren Vorfahren von den Nazis ermordet wurden. Der Trailer verspricht eine rabenschwarze Komödie, überraschend selbstironisch für eine deutsche Produktion, ohne dabei ins Aufgesetzte, Fremdschämige oder gar Pietätlose abzugleiten.

Clash

Die Konflikte im Nahen Osten sind allgegenwärtig, die Wirren des arabischen Frühlings bis heute kaum zu durchschauen. Wer ist gut, wer ist böse? Wer Opfer, wer Täter? Und gibt es überhaupt eindeutige Trennlinien in den stetigen Strudeln von Gewalt und Gegengewalt? Das ägyptische Drama „Clash“ tritt im Wettbewerb um den „Schwarzen Löwen“ in der Reihe „Beyond: War on Everyone“ an. Während der Aufstände in Kairo sind Anhänger beider Parteien zusammen mit Kleinkriminellen und zufälligen Passanten auf engstem Raum in einem Polizeitransporter eingesperrt. Draußen das Militär und der wütende Mob, drinnen glühende Hitze, Hass und Verdächtigungen. Ich bin hochgespannt auf ein Kammerspiel in ungewöhnlichem Setting und eine erschütternde Parabel auf die Konflikte unserer Zeit.

Bugs

Der Verzehr von Insekten könnte einen wichtigen Beitrag zur Welternährung leisten. Sie sind proteinreich, fettarm und im Verhältnis zur konventionellen Nutztierhaltung sehr Ressourcen schonend in der Aufzucht. Klar, eine einheimische Hauswinkelspinne würde ich mir nicht spontan in den Mund stecken. Aber in ein rohes Schwein will ich ja auch nicht beißen. Ich behaupte: Würzig frittiert oder mit Schokoladenmantel würde ich beim Heuschrecken- oder Mehlwurm-Snack durchaus zugreifen. Hier setzt „Bugs“ aus der Reihe „Green Horizons“ an: Die Darsteller der dänischen Produktion begeben sich auf eine Reise dorthin, wo rund zwei Milliarden Menschen bereits Insekten konsumieren. Sie reden über ihre Essgewohnheiten, suchen nach interessanten Rezepten, züchten selbst Insekten und besuchen Konferenzen zum Thema. Ich verspreche mir einen gleichermaßen unterhaltsamen wie lehrreichen Film, der weder auf Ekel-Voyeurismus setzt noch mit erhobenem Zeigefinger daherkommt.

Good ol’ Freda

Hinter jedem starken Mann steht auch immer eine starke Frau, so das Sprichwort. Und wie ist das bei großen Bands? Beatles-Dokus gibt es jedenfalls genug; warum nicht auch mal einen Blick auf jene Personen werfen, die durch ihre Arbeit im Hintergrund den Erfolg überhaupt erst ermöglicht haben? Eine davon ist gewiss Freda Kelley. Die damals 17jährige aus Liverpool war zehn Jahre lang Sekretärin der Beatles, ihre gute Seele in allen Lebenslagen und hielt den vier Superstars natürlich auch bürotechnisch den Rücken frei. In der englischen Doku der Reihe „Sound on Screen – Festival Edition“, die mit Unterstützung von Paul McCartney und Ringo Starr entstanden ist, plaudert die charmante Dame frei aus dem Nähkästchen und erzählt ihre ganz persönliche Beatles-Erfolgsstory – dazu 86 Minuten lang allerfeinste Musik von der Insel!

Die Schlangengrube und das Pendel

Zu guter Letzt mein Guilty Pleasure in der Reihe „Poe at Midnight“. Ich erinnere mich noch genau an diesen Abend: Unsere Eltern nahmen meine Schwester und mich mit zur Silvesterparty bei einem befreundeten Ehepaar. Und damit die Erwachsenen im holzgetäfelten Partykeller ausgelassen feiern konnten, wurden wir Kinder im Wohnzimmer vor einer Regalwand voller VHS-Kassetten geparkt. Unsere Wahl fiel natürlich nicht auf „Arielle die Meerjungfrau“, sondern auf eine Kassette mit der herausfordernd mysteriösen Aufschrift „Die Schlangengrube und das Pendel“. Es folgten schlaflose Nächte und durchnässte Bettwäsche. Doch meine Liebe für Gruselklassiker war geweckt. Und erst Jahre später wurde mir bewusst, über welch Genre-Perle dieser Erstkontakt hergestellt wurde. Harald Reindls Interpretation des Dracula-Themas in Anlehnung an Motive von Edgar Allan Poe und mit niemand geringerem als Lex Barker und Christopher Lee in den Hauptrollen kann auch 50 Jahre später und trotz des trashigen 60er-Jahre-Charmes (Frauen kommunizieren hauptsächlich über verängstigtes Kreischen und Bösewichte haben grundsätzlich einen lüsternen Blick) noch fesseln. Nicht zuletzt auch wegen seiner expliziten Gewaltdarstellung mit – für damaliges Genrekino – aufwendigen Special Effects. Man sei also gewarnt!

Die Spielzeiten der genannten Filme sowie natürlich das komplette Programm finden Sie unter http://www.filmfest-braunschweig.de

Text. Stephen Dietl
Beitragsbild: (c) Braunschweig International Film Festival

 

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