1.800 Werkstunden für das Oldtimerglück

Der modeautofrühling verwandelt die Braunschweiger Innenstadt in diesem Jahr zum 17. Mal in eine Automeile. Theoretisch müsste mich das als Mann begeistern und mit meinem familiären Hintergrund, der sehr stark auf einem regionalen Autobauer basiert, führt ja eigentlich kein anderer Weg am Thema Auto vorbei. Tatsächlich ist es bei mir eher so, dass mich technische Daten wie Hubraum oder der Radstand eher wenig interessieren. Mich begeistert an einem Auto die Leistung und das Aussehen. Und so haben es mir auch eher die Autos der 1950er- und 1960er-Jahre angetan. Als ich hörte, dass beim modeautofrühling in Zusammenarbeit mit dem AutoSport- und OldtimerClub Harz/Heide im ADAC e. V. Oldtimer auf dem Burgplatz ausgestellt werden, wurde ich hellhörig. Ich möchte mehr über die Oldtimerausstellung erfahren und wissen, welche Modelle dort ausgestellt werden. Zu meiner Verwunderung werden auch zwei Autos der Firma Glas auf dem Burgplatz stehen.

Wahrscheinlich wird jetzt der ein oder andere Leser stutzig: Glas? Nie gehört! Ein kurzer Blick in die Historie des Automobilherstellers bringt Licht ins Dunkel. Der eigentliche Landmaschinenfabrikant Hans Glas aus dem niederbayerischen Dingolfing konzentrierte sich Mitte der 1950er-Jahre vermehrt auf die Automobilherstellung. Durch die eine kleine Motorisierung konnte ein Glas-Auto auch mit dem damaligen Treckerführerschein gefahren werden, gepaart mit den niedrigen Unterhaltskosten ein ideales Fahrzeug für das Nachkriegsdeutschland. Mit neueren Modellen wollte Glas in höhere Sphären vordringen, die deutsche Mittelklasse hatte er sich zum Ziel gemacht. Durch die Zusammenarbeit mit dem Turiner Designer Pietro Frua gewannen die Glas-Modelle an Schönheit und Ästhetik erheblich dazu. 1963 stellte Hans Glas auf der Internationalen Automobilmesse IAA das Cabrio vor. Die Fachzeitschrift „Auto Motor Sport“ ordnete den Glas GT im oberen Autosegment ein: „Der Glas GT ist auf dem deutschen Markt die interessanteste Alternative unterhalb der Porsche-Preisklasse.“ Genau dieses Modell ist auch beim modeautofrühling zu sehen. Um schon vorher ein Blick auf den Wagen werfen zu können, verabrede ich mich mit Besitzer Joachim Bomba.

Es ist windig und zu kalt für den Frühlingsanfang, trotzdem rollt eine Schönheit in Rot mit offenem Verdeck auf mich zu. Der Designer Pietro Frua hat ganze Arbeit geleistet hat. Viele Passantinnen und Passanten drehen sich nach dem Auto um. Tatsächlich gibt es von diesem Auto insgesamt nur 121 Exemplare, die der Glas Automobilclub International e. V. registriert hat. Da die Firma Glas Ende der 1960er-Jahre in BMW aufgegangen ist, wird es kaum mehr Modelle geben, die fahrtüchtig sind. Anders der Glas GT 1700 Cabrio des pensionierten Lehrers Joachim Bomba.

Ein Armaturenbrett wie im Flugzeug

Bombas schicker roter Flitzer hat sich sein historisches Kennzeichen mit 32 Jahren redlich verdient. Joachim Bomba bietet mir neben dem „Du“ auch gleich an, mir den Wagen von innen anzusehen. Ich setze mich ins Auto und fühle mich sofort in eine andere Zeit versetzt. Das Radio hat Knöpfe, die Armaturen sind allesamt analog, alles stammt aus einer Zeit, in der noch keiner an so etwas wie „Digitalisierung“ dachte und Autos noch die deutliche Handschrift ihrer Erfinder trugen.

Hans Glas war auch gerne als Pilot unterwegs. Das schlägt sich auch beim Design der Armaturen wieder, die stark an ein Flugzeugcockpit erinnern. Foto: Martin Henze

Hans Glas war auch gerne als Pilot unterwegs. Das schlägt sich auch beim Design der Armaturen wieder, die stark an ein Flugzeugcockpit erinnern. Foto: Martin Henze

Auffällig sind die Abmessungen des Wagens: Im Innern habe selbst ich mit knapp über 1,90 Metern Größe mehr als ausreichend Beinfreiheit. Von außen ist der Glas allerdings viel schmaler ist als die heutigen Autos. „Ich habe eigentlich nie Probleme, einen Parkplatz zu finden“, meint Joachim lächelnd, als er meine Verwunderung sieht.

Seltener Anblick in Norddeutschland

„Ich bin mit meinem Cabrio schon eher ein Ausreißer im Norden, in Braunschweig gibt es noch einen weiteren Glas-Fahrer. Generell sind aber mehr Modelle in Süddeutschland anzutreffen“, berichtet mir Joachim bei einem Kaffee. Über 1.800 Arbeitsstunden hat er in seinen Oldtimer gesteckt. Die Autos der Firma Glas hatten es dem gelernten Werkzeugmacher schon früher angetan. „Glas konnte ich mir in meiner Studentenzeit schon leisten, da bekam man für 1.000 Mark schon was Ordentliches. Das Schöne beim Glas ist für mich das Sportliche und technisch sind sie relativ einfach aufgebaut, ich konnte mir also einiges beibringen.“

Auf die Details kommt es an, das Design des Spiegels und des Türgriffs sind ein Indiz für die Historie des Autos. Foto: BSM

Auf die Details kommt es an, das Design des Spiegels und des Türgriffs sind ein Indiz für die Historie des Autos. Foto: BSM

1983 entdeckte er das Auto, das laut Bomba im damaligen Zustand nicht an ein Auto erinnerte, in einer Scheune nach einer Anzeige des damaligen Besitzers. „Das Auto war sehr schlecht gepflegt, ich konnte es gerade so bewegen und hatte den ersten Motorschaden schon nach wenigen Kilometern.“ Beim ersten Glas-Clubtreffen mit seiner neuen Eroberung sah er die anderen Glasautos der anderen Mitglieder, die in einem wesentlich besseren Zustand waren.

Joachim Bomba war schon immer ein Glas-Fan. Seit 1979 ist er auch im internationalen Glas-Automobilclub. Foto: BSM

Joachim Bomba war schon immer ein Glas-Fan. Seit 1979 ist er auch im internationalen Glas-Automobilclub. Foto: BSM

„Sie munterten mich damals auf, aber von da an wusste ich auch, dass ich das Auto im Prinzip von Grund auf neu aufbauen musste.“ Berufliche und private Veränderungen verschleppten die Restauration über Jahre. Anfang der Neunziger war es dann soweit und aus dem Auto wurde ein Langzeitprojekt. Mit dem passenden Motor wurde das Auto zu einem Alltagsgegenstand für den eigentlich passionierten Fahrradfahrer. Selbst im Winter fuhr er das Cabrio, wenn mal längere Strecken anfielen.

Nach der anschließenden Spazierfahrt durch Braunschweigs Straßen kann ich Joachim Bombas Begeisterung für den Wagen und jede einzelne Arbeitsstunde, die er in den Wagen gesteckt hat, hundertprozentig nachvollziehen. Ein Auto, das Spaß macht UND gut aussieht. Ein Wagen, der mit seiner roten auffälligen Farbe und als Cabrio Lust auf den anstehenden Frühling macht.

Titelbild: Ein echter Blickfang in Rot. Foto: BSM

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