
Armin Rütters zählt neben Dirk Rühmann zu einem der „Urgesteine“ bei Mord auf der Oker. Dabei unterscheiden sich seine Lesungen in einem Punkt von denen der anderen Autoren: All seine Geschichten sind wahr, beruhen auf Tatsachen. Im Interview verrät uns der Mann mit der schwarz-weißen Fliege, was seine Begeisterung für historische Kriminalfälle entfachte und warum er keine Romane liest.
Sie starten als Autor bei „Mord auf der Oker“ bereits in die elfte Saison. Was reizt Sie so an dem Format, dass Sie so lang dabei sind?
Ich beschäftige mich seit 40 Jahren mit historischen Kriminalfällen und schreibe auch Bücher darüber. Ich fand den Gedanken spannend, in direktem Kontakt zu dem Publikum zu stehen und stieg deswegen bei „Mord auf der Oker“ ein. Das gab mir die Möglichkeit, mich mit meinen Lesern bzw. Hörern über die Fälle auszutauschen und ihre Fragen zu beantworten.
Sie lesen ausschließlich wahre Kriminalfälle und verzichten auf fiktionale Elemente. Was hat Ihr Interesse an historischen Kriminalfällen geweckt?
Vor 40 Jahren habe ich Jürgen Thorwalds „Das Jahrhundert der Detektive. Weg und Abenteuer der Kriminalistik“ gelesen. In dem Buch wurden historische Kriminalfälle vorgestellt, die mittels einer neuen wissenschaftlichen Methode gelöst werden konnten. Das Buch faszinierte mich so, dass ich zwei Nächte nacheinander nicht richtig schlafen konnte. Mich interessierte die Kombination aus Kriminalistik und Wissenschaft. Seitdem hat mich das Thema nicht mehr losgelassen. Ich habe mittlerweile zuhause ein ganzes Archiv aus Tatsachenberichten und Fachzeitschriften. Darunter ist kein einziger Roman. Ausgedachte Geschichten reizen mich überhaupt nicht. Ich lese keine Romane, ich schaue keine Kriminalfilme. Die Mischung aus Fiktion und Fakten finde ich besonders schlimm, da der Leser nicht weiß, welcher Teil der Geschichte wahr ist und welcher der Fantasie des Autors entspringt.
Was reizt Sie an den wahren Geschichten?
Ich wage es kaum zu sagen, aber es ist wohl die Faszination des Bösen, die mich antreibt. Ich möchte wissen, was die Täter vor, während und nach der Tat denken. Ich möchte verstehen, was sie bewegt. Serientäter interessieren mich ganz besonders.
Wie bereiten Sie sich auf einen Lesungsabend vor?
Indem ich mich in etwa so anziehe, wie ich heute vor Ihnen sitze. Diese Fliege ist mein Markenzeichen. Am Abend der Lesung bin ich voll konzentriert. Ich lese laut und deutlich, variiere meine Stimme, mache Kunstpausen. Es sind etwa 50 Personen auf dem Boot und jeder einzelne von ihnen soll mich gut verstehen. Häufig setzen sich aber gerade die, die nicht so gut hören, nach hinten. Also höchste Konzentration.
Wie sind die Reaktionen der Gäste auf Ihre Geschichten?
Viele der Zuhörer sprechen mich im Nachhinein auf meine Geschichten an, einige von ihnen kenne ich mittlerweile auch. Sie sagen, sie kommen gar nicht unbedingt wegen der Floßfahrt, sondern, weil sie historische Kriminalfälle interessieren und ihnen meine Art der Darbietung gefällt.
Was glauben Sie, macht diese besondere Art der Darbietung für Ihre Gäste aus?
Ich lege großen Wert darauf, die Geschichten wahrheitsgemäß zu präsentieren. Ein Thema muss mich selbst interessieren, sonst macht alles keinen Sinn. Die Fälle, die ich lese, sind vorwiegend über 70 Jahre alt, da ich dann Zugang zu allen Unterlagen habe. Ich kann die Gerichtsakten, die Verhöre und im besten Fall auch die Mordermittlungsakten lesen. Aus diesen Infos baue ich meine Geschichten zusammen.
Verraten Sie mir, worum es bei Ihrer Lesung in diesem Jahr gehen wird?
In diesem Jahr lese ich sechs Fälle vor, einige davon sind jüngeren Datums. Dabei ist die Geschichte des größten Kapitalverbrechens, das je in Braunschweig passierte: der Mord, der 1977 die gesamte Familie des Direktors der Volksbank das Leben kostete.
Sie lesen aber nicht nur grausame Geschichten, sondern auch sehr amüsante bei „Die Oker lacht“. Wie kam es dazu?
Ich habe gemerkt, dass die kleinen, makabren Einschübe in meinen „schlimmen“ Geschichten beim Publikum sehr gut ankommen. Vor einigen Jahren rief ich deswegen gemeinsam mit dem Café Okerterrassen einen Vorläufer von „Die Oker lacht“ ins Leben. Als das Café schloss, rettete ich das Projekt hinüber zum Stadtmarketing.
Legen Sie einen Schalter um zwischen „Mord auf der Oker“ und „Die Oker lacht“?
Ja, anders würde es nicht funktionieren. Diese historischen Mordfälle sind manchmal grausam, manchmal hart. „Die Oker lacht“ ist ganz anders. Da jagt eine Lachgeschichte die nächste. Da muss ich als Vortragender selbst das beste Beispiel abgeben, um die Leute zum Lachen zu bringen. Wenn mir das in den ersten fünf Minuten nicht gelingt, habe ich schlechte Karten. Das gilt auch für „Mord auf der Oker“.
Nach so vielen Jahren bei „Mord auf der Oker“ haben Sie sicherlich die ein oder andere kuriose Geschichte von den Fahrten zu erzählen.
Ja, die sind aber etwas länger. Wollen Sie eine hören?
Unbedingt!
Es war an einem Samstagabend. In etwa auf der Höhe des Kulissenhauses des Staatstheaters hörte ich eine Stimme in meine Richtung „Hallo, hallo!“ rufen. Ich ließ mein Manuskript sinken und sah vor mir einen älteren Herr mit gequältem Gesicht. Ich fragte: „Was ist?“ Er sagte „Ich muss mal pinkeln.“ Ich sagte der Flößerin, dass wir an Land müssen. Das ist auf der Oker nicht so einfach, da am Ufer zur Befestigung oft Steine liegen. Wir fanden eine geeignete Stelle, legten an, der Herr kam nach vorn, ich half ihm, an Land zu springen. Er verrichtete sein Geschäft und schon konnte es weiter gehen. Nach weiteren zwanzig Minuten hörte ich eine mir bekannte Stimme erneut „Hallo, hallo!“ rufen. Ich ließ mein Manuskript sinken, vor mir der gleiche Herr, das gleiche gequälte Gesicht. Ich sagte: „Was ist?“ Er antwortete „Ich muss mal“. Er kam erneut nach vorn, setzte zum Sprung an, verfehlte das Ufer und landete in der Oker. Er richtete sich auf, verschwand abermals hinter einem Baum und entschied dann, zurückzulaufen. Auf der Rückfahrt, etwa 100 Meter vor dem Anleger, rief ich zum dritten Mal an diesem Abend eine mir sehr bekannte Stimme „Hallo, hallo!“. Da stand er winkend auf der Brücke und freute sich wie ein Schneekönig, uns wieder zu sehen. Nachdem alle Gäste das Floß verlassen hatten, fragte ich die Flößerin, was es mit dem Herrn auf sich hat. Sie erzählte mir, dass er bereits eine Stunde vor Fahrtbeginn am Anleger war und sich die erste Flasche Wein bestellte. Um 20:00 Uhr, zu Beginn der Fahrt, hatte er bereits die zweite Flasche geleert. Im Kollegenkreis haben wir dann überlegt, ob wir in Zukunft ein „Dixiklo“ hinter uns herziehen. Hat sich aber nicht durchgesetzt.
Vielen Dank für das Gespräch!
Informationen
Termine: freitags, samstags und sonntags um 20 Uhr
Zusatztermine: Juni bis August: samstags um 19 Uhr
Treffpunkt: OkerTour Anleger, John-F.-Kennedy-Platz/
Kurt-Schumacher-Straße, direkt an der Brücke
Dauer: ca. 1,5 Stunden
Mindestteilnehmerzahl: 15 Personen
Preis: 18 € pro Person bei öffentlichen Lesungen
Gruppen ab 18 Personen: 18 € pro Person
Termine für die Lesungen von Armin Rütters:
Samstag, 7.5.
Sonntag, 8.5.
Sonntag, 22.5.
Samstag, 4.6.*
Samstag, 18.6.
Freitag, 15.7.
Samstag, 16.7.*
Freitag, 22.7.
Samstag, 30.7.
Samstag, 6.8.
Samstag, 27.8.*
Freitag, 9.9.
Sonntag, 25.9.
*Zusatztermin 19 Uhr
Tickets für Mord auf der Oker können auf Braunschweig.de oder in der Touristinfo, kleine Burg 14, gebucht werden.
(Titelbild: BSM)
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