Künstlersein in Braunschweig

„Künstler sind exzentrisch, verschlossen und realitätsfern.“ So lautet das Klischee einer Berufsgruppe, wie es mir manchmal in Gesprächen oder den Medien begegnet. Ich will wissen, ob das stimmt und verabrede mich mit Jens Isensee, 33, diplomierter freier Künstler, Kommunikationsdesigner und eines von elf neuen Mitgliedern des Berufsverbands Braunschweiger Künstlerinnen und Künstler (BBK), die sich ab morgen in den beiden Torhäusern an der Humboldtstraße mit ihren Arbeiten vorstellen.

Wir treffen uns im Studentencafé Eusebia im Univiertel. Jens ist dunkelblond, trägt eine Brille mit einem dünnen schwarzen Rahmen und einen Pullover mit breiten Streifen in dunkelgrau und weinrot. Wir bestellen einen Cappuccino und einen Milchkaffee und stoßen damit an. Prost.

"Off Over and Out": Jens Isensees Exponat in der Ausstellung "Neu im BBK". Foto: Jens Isensee

„Off, Over and Out“: Jens Isensees Exponat in der Ausstellung „Neu im BBK“. Foto: Jens Isensee

Für sein Exponat in der Ausstellung „Neu im BBK“ hat er weggeworfenen Dingen eine zweite Chance gegeben: „Ich habe alte Kunstdrucke vom Sperrmüll genommen. Malereien, die mal billig auf Pappe gedruckt wurden, wie zum Beispiel ein Zigeunermädchen mit Hummer. Dann habe ich auch noch eine Riesenkiste mit alter Weihnachtsbeleuchtung und Neonschildchen gefunden.“ Die Bilder habe er durchbohrt und aus den Leuchten Sprüche geformt. „Dann sind da noch Lichterketten, die einen irren Rhythmus haben, so dass sie bunt durcheinander leuchten. Im Zusammenspiel ergibt das alles eine Optik, die ein bisschen infernalisch ist.“

Jens steht meist gegen zehn Uhr auf und geht um zwei Uhr morgens ins Bett, bis vor einem Jahr war es noch vier Uhr. „Heidewitzka, das Alter macht sich langsam bemerkbar“, meint er. Sich zur künstlerischen Arbeit zu motivieren, sei kein Problem. „Die Projektideen stapeln sich in der Schublade, man bräuchte eigentlich eine Fabrik, um das alles umzusetzen.“ Seine aktuelle Herausforderung ist es aber, sich mit den Begleiterscheinungen der Selbstständigkeit zu stellen und auf Stipendien zu bewerben.

Unterstützung bekommt er da vom BBK, dem größten Bundesverband für Bildende Künstler in Europa. Bundesweit hat er an die 14.000 Mitglieder, in Braunschweig vertritt er die Interessen von ungefähr 120 Künstlern gegenüber der Stadt und der Öffentlichkeit. Er fördert den Austausch unterschiedlicher künstlerischer Disziplinen und berät die Künstler, wenn es um Versicherungen, Verträge und Rechte geht.

Jens ist in Braunschweig geboren und hat bisher in noch keiner anderen Stadt gewohnt. „Ich bin direkt im ersten Anlauf an der HBK angenommen worden und konnte so bei meinen Freunden bleiben, die hier studiert haben. Außerdem wohne ich wirklich schön im Univiertel in einer 8er-WG in einem Häuschen mit Garten und Dachboden-Atelier.“ Ein bisschen Bohème umweht ihn also doch.

Jens Isensee. Foto: BSM

Jens Isensee. Foto: BSM

Mit einem Freund hat Jens außerdem eine Firma gegründet. „Wir entwickeln Computerspiele zusammen, damit verdiene ich primär mein Geld. Kunst ist bei mir momentan komplett idealistisch.“ Da das Gros seiner brotbringenden Arbeit im Bereich Software und Neue Medien abläuft, ermöglicht ihm das Internet ein ortunabhängiges Arbeiten. Viele Absolventen der Kunsthochschule hingegen zieht es mit dem Diplom in eine Stadt mit größerer Kunstszene. „Berlin wäre aus diesem Grund vielleicht interessanter für mich. Da kann man alles machen, dort ist aber auch alles auf einem Haufen. Großstadtkakophonie eben.“

Wie vielschichtig die Kunstszene in Braunschweig ist, zeigt die Ausstellung „Neu im BBK“: Collagen aus Malereien, Fotografien und Lexika, Elemente der Streetart, experimentelle Video- und Filmarbeiten. Voraussetzung für eine Mitgliedschaft im BBK ist entweder eine abgeschlossene Ausbildung in den Bereichen Malerei, Grafik, Plastik, Bildhauerei, Objektkunst, Installation, Performance, Fotografie, Film und Neue Medien oder der Nachweis einer kontinuierlichen und eigenständigen künstlerische Praxis. Nach der Bewerbung entscheidet eine Jury über die Aufnahme.

Morgen kann man sich auf der Vernissage in den beiden Torhäusern, Humboldtstraße 34 ab 20 Uhr Kunst made in Braunschweig anschauen und „mit einem geschwenkten Glas in der Hand darüber parlieren“, wie Jens sagt. Das BBK präsentiert Arbeiten von Sany Abdullah, Fehmi Baumbach, Christian Grams, Bettina Hackbarth, Valerie Hanisch, Felicia Holland, Jens Isensee, Antje Koos, Uve Mehr, Johanna Seipelt und Deborah Uhde. Vielleicht werde ich dort mit meiner Klischee-Studie fortfahren.

Information

BBK Torhaus
Humboldtstraße 34
38100 Braunschweig

„Neu im BBK“
13. März bis 19. April
Donnerstag, 12. März, 20 Uhr: Vernissage
Sonntag, 29. März, 15 Uhr: Künstlergespräch mit Felicia Holland
Sonntag, 19. April, 15 Uhr: Künstlergespräch mit Christian Grams

Öffnungszeiten:
Mittwoch bis Freitag 15 bis 18 Uhr
Donnerstag 15 bis 20 Uhr
Sonntag 11 bis 17 Uhr.

(Artikelbild: Off, Over and Out von Jens Isensee, Foto: BBK)

2 Kommentare zu “Künstlersein in Braunschweig

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