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Gemeinsam einsam tanzen

Frau im weißen Kleid dreht eine Pirouette.

5 Jahre Tanztheater Braunschweig, 5 Jahre „tanzwärts!“. Bereits über 800 Braunschweigerinnen im Alter von 8 bis 80 Jahren haben die Bühnen des Staatstheaters in den letzten Jahren erobert und den Rollentausch von Zuschauer*in zu Tänzer*in gewagt. So sollte es auch dieses Jahr sein, doch dann kam Corona. Und mit dem Virus Kontaktbeschränkungen und Abstandsregeln, die ein Projekt, das sich auf zwischenmenschlichen Kontakt, auf intensives Training und auf Voneinander-Lernen stützt, fast unmöglich machen.

Aber Chefchoreograf Gregor Zöllig und das Tanztheater-Ensemble des Staatstheater Braunschweig ließen nicht von der Idee los, auch 2020 ein „tanzwärts!“-Programm auf die Beine zu stellen. Was eigentlich als Projekt mit rund 150 Laien für die große Bühne des Staatstheaters Braunschweig geplant war, ist unter Corona-Bedingungen zu einem Tanzfilmprojekt für den virtuellen Raum geworden. 22 Teilnehmer*innen nahmen teil, probten virtuell vor der Laptop- oder Handykamera und wurden schließlich vom Filmemacher Georges Hann in einem Stadtraum unter Kontaktbeschränkungen gefilmt.

Im Innern das Draußen suchen

Der Tanzfilm „tanzwärts! Gemeinsam einsam oder Im Innern das Draußen suchen“ stellt die Frage, mit welchen Gefühlen von Sicherheit und Angst wir uns auseinandersetzen müssen und wie sich der Körper dabei anfühlt.

Warum das Staatstheater trotzdem an dem Projekt festgehalten hat, wie die Proben für das Projekt aussahen und was die Tänzer*innen am meisten vermisst haben, diese Fragen hat Gregor Zöllig mir in einem kurzen Interview beantwortet.

Die Corona-Pandemie hat die Spielzeit plötzlich unterbrochen. Wie gehen Sie und Ihr Ensemble mit der Unterbrechung um?
Gregor Zöllig: Wir versuchen dran zu bleiben. Nehmen einen Schritt nach dem andern. Die Tänzer und Tänzerinnen mussten zuhause bleiben und von Zuhause aus trainieren, die Weltgemeinschaft Tanz rückte zusammen, Trainingsleiter*innen aus der ganzen Welt stellten ihre Trainings kostenfrei ins Netz. So konnte jede/jeder zuhause trainieren. Wir choreografierten und tanzten fürs Netz von Zuhause. Aber das Internet ist meines Erachtens kein Raum, wo die gesamten Vorzüge unser Tanzkunst zum Tragen kommen können.

War es schwer, plötzlich nicht mehr vor Publikum tanzen zu können?
Gregor Zöllig: Ja sehr. Wir vermissen das Publikum und Bühne und das gemeinsame Tanzen. Tanz ist sinnlich, nahbar und unmittelbar, Tanz ist Emotion und Körperlichkeit, Tanz ist Energie und Bewegung, wer tanzt, muss auf sich und andere achten. Wer in diesen Zeiten nicht tanzt, geht verloren. Tanz beinhaltet für mich all das, was unserer Gesellschaft in dieser Pandemie verloren gehen könnte, nicht nur, weil wir es jetzt nur noch sehr eingeschränkt dürfen.

Frau liegt auf einer gepolsterten Sitzbank. Im Hintergrund ein Gemälde. Die Frau auf dem Gemälde und die Frau auf der Sitzbank nehmen die gleiche Position ein.
Tanzen, wo es sonst nicht möglich ist: Im“tanzwärts!“-Film wird das Herzog Anton Ulrich-Museum zum Tanzsaal. Foto: Staatstheater Braunschweig/Anna Degen

Welchen Einfluss hat Corona auf „tanzwärts!“?
Gregor Zöllig: Unter den im Moment vorherrschenden Hygieneregeln ist ein „tanzwärts!“ Projekt mit bis zu 150 Tänzerinnen auf unserer Bühne nicht denkbar. Für jeden Tänzer/jede Tänzerin sind 36 m² vorgeschrieben und 6 Meter Distanz müssen eingehalten werden.

„Wir wollten zeigen: Wir sind da!“

Warum haben Sie an dem Projekt festgehalten?
Gregor Zöllig: Nach dem „Lockdown“ mussten wir uns zuerst mal sammeln und begreifen, was dieser überhaupt für uns bedeutete. So ein Projekt sagt sich nicht so leicht ab. Wir sind nicht nur eine Verpflichtung mit unseren 150 Teilnehmer*innen eingegangen. Daher haben wir uns eine filmische Variante für „tanzwärts!“ ausgedacht. Wir haben einen Weg gesucht – trotz Corona – zu zeigen: wir sind da! Wir tanzen mit Euch! Georges Hann ist ein herausragender Regisseur, der gemeinsam mit sieben Tänzer*innen/Choreograf*innen des Tanztheaters am Staatstheater einen Tanzfilm gestaltet hat. Geprobt wurde mit 22 Teilnehmerinnen im Alter von 10 bis 74 Jahren per Zoommeetings von Zuhause aus.

Tänzerin in einem leeren, kargen Raum. Ein Fenster oben rechts verrät, dass es sich um eine Kirche handelt.
Einsam tanzen im Braunschweiger Dom. Foto: Staatstheater Braunschweig/Anna Degen

Was begeistert Sie bei der Umsetzung?
Gregor Zöllig: Getanzt wird im Film an Orten, die Begegnungsstätten für unsere Braunschweiger Stadtgesellschaft sind. So zum Beispiel im Fußballstadion, dem Herzog Anton Ulrich-Museum oder dem Laut Klub. Die Tänzer*innen erspüren im Film diese leeren, verlassenen Räume, untersuchen die Atmosphären der Orte, die für unterschiedlichste Zwecke und Begegnungen gebaut wurden. Der Tanzfilm erzählt ein Stück weit von der Sehnsucht nach der Gemeinschaft, wenn Distanzen einzuhalten sind.

Vielen Dank!

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