Ein echter Braunschweiger

Mit diesem Interview beginnt unsere vierwöchige Reihe zum Braunschweiger Löwen, der dieses Jahr seinen 850. Geburtstag feiert. Wahrscheinlich. Denn zweifelsfrei belegen lässt sich dieses Datum aufgrund der spärlichen Quellenlage nicht. Weil aber vieles daraufhin deutet, dass der Löwe 1166 auf dem Burgplatz aufgestellt wurde, haben wir uns dazu entschieden, 2016 das Jubiläum zu feiern. Neben der geschichtlichen Betrachtung des Löwens schauen wir uns um, wo überall der Braunschweiger Löwe zu finden ist, berichten über die Fakten und rekonstruieren die Sage von Heinrich und seinem Löwen.

Imposant – mein erster Gedanke beim Anblick des Braunschweiger Löwen. Direkt neben ihm wird mir erst richtig bewusst, wie groß er ist. Denn ich muss gestehen, dass ich das Original noch nie besucht habe, während ich seinen Bruder auf dem Burgplatz fast täglich sehe. Heute bin ich endlich einmal in der Mittelaltersammlung des Herzog Anton Ulrich-Museum in der Burg Dankwarderode und treffe mich mit Dr. Regine Marth. Sie ist Leiterin der Skulpturenabteilung des Museums und Expertin für Alte und Außereuropäische Kunst. Wir unterhalten uns über das Braunschweiger Wahrzeichen, eines der wichtigsten Zeugnisse der Geschichte der Löwenstadt, das dieses Jahr 850 Jahre alt wird.

Dr. Regine Marth ist seit 20 Jahren für den Braunschweiger Löwen verantwortlich. Foto: BSM

850 Jahre – das ist ein stolzes Alter für unseren Löwen. Also wurde er 1166 aufgestellt?
Marth: Da fange ich direkt mit dem Jubiläum an. Diese Angabe bezieht sich auf ein quellenmäßig überliefertes Datum und ist nicht, wie wir es heute verstehen, „in Marmor gemeißelt“. Wir müssen das Jahr indirekt erschließen. Deswegen steht bei uns auf den Beschriftungen, dass er in den 1160er Jahren aufgestellt worden ist.

Welche Quellen bieten dafür die Grundlage?
Marth: „Wir haben nur indirekte Quellen. Es gibt keinen Auftrag von Heinrich dem Löwen, keinen Künstlernamen, keine Rechnung. 1166 geht zurück auf die Annalen von Albert von Stade, die er seit 1204 geschrieben hat. Außerdem gibt es Münzprägungen von Heinrich dem Löwen, die nicht nur einfach einen Löwen zeigen, sondern ganz deutlich eine Art Sockel unter ihm. Als diese Prägungen gemacht worden sind, gab es das Denkmal also schon. Auch der Biografie Heinrich des Löwen kann man entnehmen, dass Heinrich das Denkmal auf dem Höhepunkt seiner Macht aufstellen ließ. Dazu kommt die Ebsdorfer Weltkarte, eine Karte aus der 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts, die uns heute als fotografische Rekonstruktion vorliegt. Auf der Karte wird Braunschweig mit dem Löwendenkmal verbildlicht. Das heißt, der Löwe steht schon seit damals für Braunschweig.“

Durch eine kleine Tür kann das Innere des Löwen erreicht werden. Foto: BSM

Durch eine kleine Tür kann das Innere des Löwen erreicht werden.
Foto: BSM

Sieht der Braunschweiger Löwe denn schon immer so aus, wie wir ihn heute kennen?
Marth: „Bei Restaurierungsarbeiten Anfang der 1980er Jahre hat man in einigen Vertiefungen Goldpartikel gefunden. Die Interpretation der Partikel ist unterschiedlich, sie können auf einen Goldanstrich oder auf eine Vergoldung hinweisen. Von wann die ist, wissen wir nicht. Das Löwenmonument ist 1616 von Herzog Friedrich Ulrich erneuert worden. Meines Erachtens kann man vermuten, dass die Goldthematik in dem Jahr dazu kam. Es gibt keinen Beleg, dass die Vergoldung aus dem Mittelalter stammt. Dass Bronzen, die draußen stehen, vergoldet waren, ist für das Mittelalter eher untypisch. Vorstellbar wäre, dass einige Details hervorgehoben waren, wie die Augen, die zum Beispiel mit einem anderen Metall eingelegt sind, aber nicht, dass der ganze Löwe vergoldet gewesen ist.“

Kann man sagen, wie viel der Löwe heute wert ist?
Marth: „Nein, das kann man nicht sagen. Das kann man nicht beziffern, er ist unbezahlbar. Es gibt keinen Vergleich, es gibt kein ähnliches Werk, an dem man sich orientieren könnte.“

Und in der damaligen Zeit?
Marth: „Auch zur Zeit Heinrichs des Löwen hat der Löwe seinen Preis gehabt. Er ist ein herausragendes Kunstwerk, technisch eine Meisterleistung. Für den Gießer ist er eine extreme Herausforderung gewesen, das machte er nicht alle Tage: 800 kg Material hat er verbraucht. Der Gießer hat eine Vorstellung vom Löwen, weiß, dass die Skulptur groß und prächtig werden soll, muss aber viel beachten. Wichtig ist zum Beispiel die Statik: Das ist ein großes Tier, das hohl und schwer ist. Damit diese Figur das Gewicht tragen kann, sind die Beine nicht hohl, sondern teilweise mit Bronze gefüllt. Sonst könnte er gar nicht stehen. Der Gießer fängt also an, indem er sich aus Eisen ein Gerüst baut. Das ist als inneres Gerüst im Löwen. Darauf modelliert er als Gusskern aus Ton und Erde die Form des Löwen und bringt eine dünne Schicht Wachs darauf auf. Da er ja eine gewisse Wandstärke benötigt, kommt auf das Wachs ein Gussmantel, wieder aus Ton und Erde. Dann fängt er an, über vorher gesetzte Gusskanäle, die Bronze einzugießen, die das Wachs schmilzt. Das zeigen auch Gussnähte, die man am Löwen sehen kann. Die entstehen, wenn Bronze unten in der Form ist, die ein bisschen erkaltet ist, und der nächste Schwung draufgegossen wird. Ist die Form vollständig gegossen, muss die Bronze erkalten und der Mantel kann weggenommen werden. Erst dann sieht der Gießer, ob es geklappt hat.“

1980: Die Kopie kommt am Burgplatz an und wird auf den Sockel gesetzt. Foto: Stadtarchiv Braunschweig

1980: Die Kopie kommt am Burgplatz an und wird auf den Sockel gesetzt.
Foto: Stadtarchiv Braunschweig

Anfang der 1980er Jahre ist der Löwe auf dem Burgplatz durch eine Kopie ersetzt worden. Warum wurde das so entschieden?
Marth: „In den 80er Jahren wurde festgestellt, dass der Löwe dringend restauriert werden muss. Es gibt Fotos, auf denen ist er in einem furchtbaren Zustand, weil er völlig verkrustet ist. Es war eine Zeit mit saurem Regen und unglaublich vielen Schadstoffen in der Luft, die nicht nur Bäume kaputt machten, sondern auch Metalle zum Korrodieren anregten, wie man auf den Fotos sehen kann. Die Stadtväter und -mütter haben dann entschieden, dass etwas getan werden muss und der Löwe wurde von seinem Sockel geholt und im Städtischen Museum restauriert. Im Zuge dessen fiel dann die Entscheidung, dass er nicht zurück auf seinen Sockel kommt, sondern in einem geschützten Raum stehen muss. Auf dem Sockel wurde dann eine Kopie des Löwen installiert.“

Hat die Restaurierung viel Zeit in Anspruch genommen?
Marth: „Die Restaurierung hat sehr lange gedauert, er brauchte viel Aufmerksamkeit, weil das ja auch lange nicht gemacht worden war. Eine Schwierigkeit bei der Restaurierung bestand auch darin, dass es kein flaches Kunstwerk ist. An das Innere kommt man nur durch das Maul heran und durch eine kleine Tür auf der Pobacke. Man hat bei der Restaurierung außerdem festgestellt, dass der Löwe innen voll Wasser war. Die Bronze ist recht porös, weil sie beim Gießen Blasen geworfen hat. Durch die poröse Bronze dringt Wasser ein, weshalb der Löwe innen Korrosionen aufweist und auch das Eisengerüst im Inneren wegkorrodiert ist. Das ist nur in bestimmten Partien noch da, wie auch der Gusskern. Der wurde auch untersucht und man hat festgestellt, dass Sand aus der Okergegend Bestandteil des Gusskerns ist – ein Indiz dafür, dass er hier in der Gegend gefertigt wurde. Das macht ja auch Sinn, da er so nicht weit transportiert werden musste.“

Ein echter Braunschweiger also, unser Löwe! Bleibt mir nur noch zu sagen: Herzlichen Glückwunsch zum Jubiläum!

(Titelbild: Der Braunschweiger Löwe im Wandel der Zeiten – im Braunschweiger Stadtarchiv sind wir fündig geworden: Der Burgplatz 1885. Foto: Stadtarchiv Braunschweig)

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