Die wohl integrativste Mannschaft in Braunschweig

Schweißperlen stehen mir auf der Stirn, als ich an der Sporthalle Rheinring um kurz vor 18:00 Uhr an einem Donnerstagabend ankomme. Der September ist heiß und ich bin ganz froh, dass ich jetzt beim Sport zusehen kann und mich nicht selbst betätigen muss. Ich bin beim Training der Rollstuhlbasketballer des MTV Braunschweig. Rollstuhlbasketballer und –basketballerinnen, wie ich bald feststelle – Frauen und Männer trainieren nicht nur gemeinsam, sie bilden ein Team.

Als zweites fällt mir auf, dass nicht alle Spielerinnen und Spieler in einem Rollstuhl gekommen sind – sie gehen an mir vorbei, setzen sich in einen der Sportrollstühle, schnallen ihre Oberschenkel fest, schnappen sich einen Ball und rollen aufs Spielfeld. So also sieht integrativer Sport aus: Frauen, Männer, Behinderte und Nichtbehinderte in einem Team.

Während sich die Spielerinnen und Spieler auf dem Feld warm machen, habe ich die Gelegenheit mit Trainer Michael Glanemann und MTV-Abteilungsleiter Martin Hommes zu sprechen. Sie erzählen mir, dass Rollstuhlbasketball erst seit 1992 für Nichtbehinderte geöffnet wurde, wohingegen die Anfänge des Rollstuhlbasketballs viel weiter zurück liegen: 1946 wurde die Sportart von ehemaligen Basketballern gegründet, die trotz ihrer Kriegsverletzungen ihren Sport weiterspielen wollten.

Zwischen Rollstuhlbasketball und Basketball gibt es fast keine Unterschiede. Gut, offensichtlich benutzen die einen ihren Rollstuhl und die anderen ihre Beine, um sich auf dem Feld zu bewegen. Aber bei beiden Sportarten ist das Spiel in vier Viertel geteilt, dauert ein Viertel zehn Minuten und pfeift der Schiedsrichter, wenn ein Spieler einen Dribbelfehler gemacht hat.

Eine Mannschaft besteht beim Rollstuhlbasketball aus mindestens sieben Personen: fünf auf dem Feld und zwei als Auswechselspieler. Damit zwischen den Mannschaften ein Gleichgewicht hergestellt wird, gibt es die funktionale Klassifizierung. „Bei uns werden die Spielerinnen und Spieler nach ihrer körperlichen Kompetenz beurteilt“, erklärt Michael Glanemann. „Ein gesunder Mann erhält 4,5 Punkte, Spieler, die ihre Beine nicht bewegen können und auch nur eine geringe Rumpfkontrolle haben, erhalten 1 Punkt. Bei Frauen werden von der funktionalen Beurteilung 1,5 Punkte abgezogen. Die Punkte aller Spieler werden zusammengezählt und bilden dann die Klassifizierung der Mannschaft.“ Insgesamt darf eine Mannschaft 14,5 Punkte auf das Spielfeld schicken – kommen die Spieler auf dem Feld nach einem Wechsel zusammen auf 15 oder mehr Punkte, gilt das als technisches Foul.

Während Martin Hommes mir die wichtigsten Spielregeln erklärt (das letzte Mal habe ich in der Schule Basketball gespielt), trainiert die Mannschaft Laufwege. „Den Rollstuhl des Gegners zu verteidigen ist das A und O“, sagt Hommes. „Das ist ein bisschen wie Schachspielen: Du musst schon vorher erahnen, wohin dein Gegenspieler fährt – auch wenn sich dieser hinter dir befindet.“ Außer ein gutes Raumgefühl sind beim Rollstuhlbasketball weiterhin vorteilhaft: starke Armmuskeln und viel Ausdauer. Die Spieler rauschen nur so über den Platz – kein Wunder, die Rollstühle sind extra angefertigte Sportrollstühle mit fünf oder sechs Rädern, damit sie stabil sind. Die zwei Reifen an der Seite stehen schräg – das gibt Stabilität, dadurch sind die Rollstühle aber auch sehr wendig und schnell.

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Zwischen Korb und Angriff vergehen nur Sekunden. Foto: BSM

Ich frage, ob jeder Spieler einen eigenen Sportrollstuhl hat. „In der Regel sollte jeder Spieler einen eigenen Stuhl haben“, sagt Hommes, „die Stühle werden auch extra an die Spieler angepasst. Aber du kannst dir sicher vorstellen, dass die Stühle nicht ganz billig sind: Sie müssen sehr viel aushalten und dürfen nicht kaputt gehen. Nicht jeder kann sich einen zweiten Stuhl leisten und die Krankenkassen brauchen oft lange, bis sie den Sportrollstuhl bewilligen. Deshalb haben wir vom Verein ein paar Stühle angeschafft.“ Und trotzdem kann es vorkommen, dass neue interessierte Spielerinnen und Spieler zum Training kommen und dann nicht mitmachen können, weil Stühle fehlen. „Dann wechseln wir uns natürlich ab, aber schade ist es schon“, ergänzt Hommes.

Seit zweieinhalb Jahren gibt es wieder eine Rollstuhlbasketballmannschaft in Braunschweig. Mittlerweile sogar zwei. Die erste Mannschaft spielt in der Oberliga, die zweite in der Landesliga. Weil es in Deutschland nicht so viele Mannschaften im Rollstuhlbasketball gibt wie Fußballmannschaften, müssen die Spielerinnen und Spieler weit fahren, um ihre Gegner zu treffen. Damit sich der Aufwand in Grenzen hält, werden oft zwei Spiele an einem Spieltag abgehalten: „Wir treffen uns an einem Spieltag mit drei Mannschaften und spielen jeder gegen jeden. So haben wir nur sieben und nicht vierzehn Spieltage.“ Was nicht bedeutet, dass der MTV Braunschweig nicht trotzdem viel unterwegs ist: In diesem Jahr haben sie Turniere in Dänemark, in Hamburg und in Leipzig gespielt und ein eigenes in Braunschweig organisiert.

Das nächste Heimspiel der ersten Mannschaft findet am 12. November in der Sporthalle Franzsches Feld statt. Die zweite Mannschaft tritt am 26. November ebenfalls zum ersten Mal in dieser Saison in Braunschweig an. Besucher sind herzlich willkommen. Genauso wie zum trendsporterlebnis am 24. und 25. September in der Braunschweiger Innenstadt. Auf dem Schlossplatz stellen sich die Rollstuhlbasketballerinnen und -basketballer im Rahmen des inklusiven Sportfestes von BINAS (Braunschweig integriert natürlich alle Sportler) vor. Am Sonntag, 25. September, können Sie die Rollstuhlbasketballer bei einem Testspiel gegen die Profis von den Braunschweiger Basketball Löwen anfeuern. Ich bin gespannt, wer das Spiel für sich entscheiden kann – habe da aber so eine Vermutung …

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