Ein Abend wie ein Mixtape

Stellen Sie sich vor, Sie finden eine Kassette mit Liebesliedern, offensichtlich zusammengestellt für eine Person, die der Ersteller unheimlich gern hatte. Und obwohl Sie diese Person nicht sind, bekommen Sie gleich bei den ersten Klängen eine Gänsehaut. So ging es mir beim Liederabend Fick dich ins Knie, Melancholie im Staatstheater. Und es sollten noch andere Gefühlsregungen folgen.

„Letzte Nacht hat mich der Mond gefragt,
ob ich glücklich bin.
Als ob man dazu mal kurz was sagen kann,
als ob’s so einfach ist.
Ich hab‘ ihn ganz cool ignoriert
und die Sterne angeschaut,
aber irgendwie hat mir der Mond da schon
die Stimmung voll versaut.“

Mit diesem Zitat von den Toten Hosen aus dem Lied „Der Mond, der Kühlschrank und ich“ beginnt der Liederabend mit David Kosel und Timo Lehne im Kleinen Haus. David Kosel ist seit 2010 Schauspieler am Staatstheater Braunschweig, Timo Lehne Sänger der Band You&Me. Ihr Liederabend hat 2015 ein Upgrade erfahren: Statt in der Hausbar spielen sie jetzt regelmäßig im Kleinen Haus.

David Kosel ist gar nicht so schwermütig, wie es auf diesem Foto scheint. Foto: Volker Beinhorn

David Kosel ist gar nicht so schwermütig, wie es auf diesem Foto scheint. Foto: Volker Beinhorn

Der Mond wird an diesem Abend noch häufiger eine Rolle spielen, vorher richten sich die beiden Protagonisten in ihrem Wohnzimmer auf der Bühne ein – schalten das Licht an, räumen Stühle noch ein wenig hin und her und setzen sich aufs Sofa.

David Kosel singt über die heimliche Liebe zur Freundin eines Freundes (Mitbewohnerin von Moritz Krämer), Timo Lehne hält mit Tocotronics Im Zweifel für den Zweifel dagegen. Es folgen Lieder unter anderem von Gisbert zu Knyphausen, PeterLicht, Element of Crime, Mumford & Sons, Beirut und Peter Fox. All diese Bands und Sänger schätze ich sehr, kenne viele der vorgetragenen Lieder. Aber sie klingen hier ganz anders, ganz neu. David Kosel und Timo Lehne stellen sie durch ihre Auswahl in einen Zusammenhang, interpretieren sie durch eine eigene Betonung, bringen mich dazu, neu zuzuhören. „Am Ende denk ich immer nur an Dich“ von Element of Crime wird von Kosel und Lehne gesungen zu einem sehr lockeren, fast witzigen Lied – singt es Sänger Sven Regener, ist es bitterernst. Derselbe Text – ein ganz anderes Gefühl.

Überhaupt ist dieser Liederabend ein ganz anderes Konzerterlebnis, als ich es gewohnt bin. Das mag auch an dem Format liegen: zwei Künstler, die ausgewählte Songs vortragen, ein Publikum, das konzentriert den Texten zuhört und jeden Witz, der manchmal nur durch die Mimik der Sänger entsteht, erkennt. Neben uns sitzt eine Schulklasse, pubertierende Jungs, die Mädchen in der Reihe dahinter. Zu meiner Überraschung sind auch sie völlig gebannt, hören zu und lachen an den richtigen Stellen. Meine Vorurteile über schulische Theaterbesuche sind hiermit entkräftet.

Liederabende haben sich Anfang des 19. Jahrhunderts in Deutschland etabliert. Der Fokus bei Liederabenden liegt auf dem gesungenen Wort, der erzählten Geschichte. Ein Abend folgt einer festgelegten Dramaturgie und behandelt meistens ein Thema. In diesem Fall nähern sich Kosel und Lehne dem Thema Melancholie. Ich kann mir bildlich vorstellen, wie David Kosel vor einigen Jahren seinem Intendanten Joachim Klement vorschlug, einen Liederabend zu veranstalten: Ein junger Mann, vielleicht noch den ersten echten Liebeskummer in den Knochen, spricht mit schiefem Lächeln, charmant und voller Überzeugung von seinem Konzept. Er ist Schauspieler und will auf der Bühne ein altes, angestaubtes Format ausprobieren. Glücklicherweise hat Klement ihm vertraut und damit dem Liederabend in Braunschweig die Chance gegeben, sich zu verjüngen. Mit Liedern aus der deutschen Singer/Songwriter-Szene und mit zwei Interpreten, die mit Respekt der Melancholie begegnen, sich aber von ihr nicht zu Trübsal hinreißen lassen.

Schöne Frauen dürfen auf der Bühne ebenfalls nicht fehlen. Hier das Mädchen mit dem Perlenohrring. Foto: Volker Beinhorn

Schöne Frauen dürfen auf der Bühne ebenfalls nicht fehlen. Hier das Mädchen mit dem Perlenohrring. Foto: Volker Beinhorn

Und so kommt es, dass ich bei der als Gedicht vorgetragenen, schaurig-schönen Mörderballade von Kid Kopphausen Gänsehaut bekomme, um mich im nächsten Moment von Timo Lehne mitreißen zu lassen, der beschwingt mit einer Ukulele durch den Saal springt.

Zum Schluss fragen Kosel und Lehne mit Gisbert zu Knyphausen die Melancholie: Was hast du der Menschheit jemals Gutes gebracht? Außer Musik und Kunst und billigen Gedichten? Ist das denn nicht genug? Ich für meinen Teil bin vollkommen zufrieden mit der Melancholie, dem Liederabend und dem Bad der Gefühle, in das mich die beiden Sänger heute haben eintauchen lassen. So doof ist die Melancholie nämlich gar nicht, erst Recht nicht, wenn man sich auf sie einlässt und die Regeln selbst bestimmt.

Information

Fick dich ins Knie, Melancholie
Ein Liederabend von und mit David Kosel und Timo Lehne

Staatstheater Braunschweig
Kleines Haus
Am Magnitorwall

Nächste Termine:
Mi. 18. Februar 2015, 19.30 Uhr
So. 8. März 2015, 19.30 Uhr
Sa. 28. März 2015, 19.30 Uhr
Sa. 4. April 2015, 19.30 Uhr

Karten gibt es im Staatstheater Braunschweig, an allen bekannten Vorverkaufsstellen und online.

(Artikelbild: Volker Beinhorn)

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