Künstler aus Leidenschaft

Wenige Striche hier, ein paar Kurven dort – schon erscheinen die Umrisse eines menschlichen Kopfes auf dem Papier. Der Stift tanzt währenddessen weiter über den Zeichenkarton, gibt nur ein leichtes Kratzen auf der nicht ganz glatten Oberfläche von sich und hinterlässt geschwungene Linien, die sich zu einer Mundpartie verbinden. Bevor ich das Bild ganz erfasst habe, widmet sich Magnus Kleine-Tebbe auch schon den Augen. Mit leichten Schraffierungen platziert er sie in ihren Höhlen und gibt dem Menschen eine dreidimensionale Form – mit hohen Wangenknochen, einem ausgeprägten Kinn, einer schmalen Nase und einer breiten Stirn. Fasziniert blicke ich auf die Zeichnung: Würde mir der Portraitierte begegnen, würde ich ihn sofort erkennen, bin ich mir sicher. Und irgendwie habe ich damit auch Recht, denn als ich dem Blick des Künstlers folge, sehe ich, wie er eine Schaufensterpuppe fokussiert, die dieselben hohen Wangenknochen hat …

Eine wichtige Grundlage für den Bildhauer ist das Zeichnen. Foto: Dr. Josef Temming

Eine wichtige Grundlage für den Bildhauer ist das Zeichnen. Foto: Dr. Josef Temming

Selbst wenn ich nicht wüsste, wie der bekannte Braunschweiger Bildhauer Magnus Kleine-Tebbe aussieht, hätte ich auch ihn sofort erkannt. Er sitzt in dem Café, in dem wir uns verabredet haben, eine Tisch-Staffelei vor sich und zeichnet. Dabei wandert sein Blick immer wieder zu der Schaufensterpuppe, die er auf Papier bringt. Er nutzt die Zeit, um sich vorzubereiten: Bei der winterkunstzeit am 28. und 29. Januar bietet er Zeichenworkshops für Hobbyzeichner an, die unter Anleitung an Schaufensterpuppen üben können.

Aber eigentlich ist der gebürtige Bremer Bildhauer. An der Akademie der bildenden Künste in Nürnberg und während eines Auslandssemesters an der Accademia di Belle Arti in Carrara in Italien studierte er Bildhauerei, bevor es ihn 1994 nach Braunschweig zog. Dort nahm er eine Stelle als wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl von Prof. Jürgen Weber an der TU Braunschweig an, die er sechs Jahre innehatte. Seit 2000 ist er hauptsächlich freiberuflicher Bildhauer mit wechselnden Lehraufträgen an der TU Braunschweig, der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig und dem Steinmetzzentrum Königslutter.

In Braunschweig hat sich der fünffache Familienvater einen Namen gemacht und fühlt sich damit sehr wohl. „Wenn ich irgendwo bin, versuche ich, dort zu bleiben und meine Arbeitszeit für die Kunst einzusetzen“, erklärt er mir. „Es reicht mir, wenn ich in der Region Braunschweig der Ansprechpartner für Bildhauerei bin und die interessanten Aufträge annehmen und realisieren darf. Ich freue mich, hier einen Namen zu haben, den man mit guter und verständlicher Bildhauerei verbindet.“ Zahlreiche seiner Werke sind dementsprechend auch in Braunschweig und Umgebung zu finden, wie beispielsweise die Bronzefigur „Bathseba“ im Foyer des Audimax der TU, die Marmorfigur „Laodizea“ vor dem Haus der Wissenschaften, der Januskopf am Forstweg zwischen Querum und dem Braunschweiger Flughafen sowie die Krippenfiguren des Braunschweiger Weihnachtsmarktes. Seit 2010 sind diese auf dem Weihnachtsmarkt zu finden und er nimmt sich jedes Jahr die Zeit, sie selbst aufzustellen und dabei immer wieder neu anzuordnen. „Ich mache das gerne, weil ich so auch ein Teil des Weihnachtsmarktes bin“, verrät er mir. „Aber ich schaffe es nicht, eine Sache noch einmal genau so zu machen wie vorher. Ich denke beim zweiten und dritten Mal wieder darüber nach, was ich verbessern und neu machen könnte.“

Die Krippenfiguren auf dem Braunschweiger Weihnachtsmarkt 2010. Foto: Dr. Josef Temming

Die Krippenfiguren auf dem Braunschweiger Weihnachtsmarkt 2010. Foto: Dr. Josef Temming

Die Krippenfiguren auf dem Braunschweiger Weihnachtsmarkt 2016. Foto: Dr. Josef Temming

Die Krippenfiguren auf dem Braunschweiger Weihnachtsmarkt 2016. Foto: Dr. Josef Temming

 

 

 

 

 

 

Denn Kunst ist für Kleine-Tebbe eine Mischung aus Transformation und Konformität. Bekommt er einen Auftrag, beginnt ein mehrstufiger kreativer, aber auch handwerklicher Prozess – von der Idee und mehreren Zeichnungen über kleine und große Modelle bis hin zur fertigen Skulptur. Seine Motive sind dabei oftmals mit Inhalten aus der Bibel verknüpft. Sie ermöglichen vielen Menschen einen Zugang zu seinen Werken: „Ich möchte, dass die Betrachter etwas mit meiner Arbeit anfangen können, dass sie etwas darin entdecken und mitnehmen können. Etwas, das Positives für sie bewirkt.“ Viele seiner Skulpturen finden sich im öffentlichen Raum: „Meine Werke müssten nicht unbedingt in einem hochklassigen Museum ausgestellt sein. Ich möchte in den öffentlichen Raum. Dort können Skulpturen rund um die Uhr und im unterschiedlichen Licht betrachtet werden.“

Bathseba ist die Mutter von Salomon dem Weisen und die Frau von König David. Die Bronzefigur wurde durch die TU Braunschweig und das Studentenwerk angekauft. Foto: Dr. Josef Temming

Bathseba ist die Mutter von Salomon dem Weisen und die Frau von König David. Die Bronzefigur wurde durch die TU Braunschweig und das Studentenwerk angekauft. Foto: Dr. Josef Temming

Magnus Kleine-Tebbe ist ein Künstler durch und durch, seine Begeisterung für das Fach wirkt ansteckend. Stets hat er seine Zeichenutensilien dabei, um einer Inspiration folgen zu können. Das Zeichnen sei auch ein wichtiger Bestandteil seines Handwerks, trotzdem, so berichtet er, finde das figürliche Zeichnen kaum noch statt und sei stark rückläufig. „Die Fotografie hat die künstlerische Betätigung im Feld der figürlichen Darstellungen etwas verdrängt, weil es viel schneller geht“, erklärt er. In der Mode finde es aber noch statt, sodass Schaufensterpuppen ideal seien, um das Sehen, Speichern und Abrufen menschlicher Formen zu üben. Deshalb hat er sich vorgenommen, talentierte Hobbyzeichner dabei zu unterstützen und ihnen bei der winterkunstzeit ein Stück seiner Erfahrung weitergeben. Und auch ich habe mir nach unserem Gespräch etwas vorgenommen: Beim nächsten Braunschweiger Weihnachtsmarkt werde ich genau hinschauen bei den Krippenfiguren, was er dieses Mal verändert hat.

Artikelbild: Künstler Magnus Kleine-Tebbe mit Familie vor seiner Skulptur „Laodizea“. Foto: Dr. Josef Temming

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