Mehr als ein Kaufhaus

Mitten in der Innenstadt, in der Stecherstraße 4, hat sich ein kleines Kaufhaus etabliert, das auf mehr als Waren setzt: das FAIRKAUF. Mir persönlich war es eine große Hilfe, als ich meine erste eigene Wohnung eingerichtet habe. Nach der langen Zeit in Wohngemeinschaften fehlte es vor allem an Geschirr und wohnlichen Möbelstücken. Und auch wenn ich schwedisches Design mag, wollte ich nicht in einer Musterwohnung eines bekannten Einrichtungshauses wohnen. Deshalb war meine erste Anlaufstelle das FAIRKAUF.

FAIRKAUF_Leseecke

Im Obergeschoss wurde die Bücherecke eingerichtet. Von Kinderbüchern über Krimis bis hin zu Antiquitäten findet man hier alles. Foto: BSM

Ich bin ein Fan, das gebe ich gerne zu. Nicht nur, weil ich dort zwei Möbelstücke erstanden habe, für die ich die meisten Komplimente zu meiner Wohnung einheimse, sondern vor allem, weil mir das Konzept so gut gefällt. Braunschweiger Bürgerinnen und Bürger spenden Dinge, für die sie keine Verwendung haben, an das Kaufhaus, andere Braunschweiger, die auf der Suche nach günstigen und besonderen Artikeln sind, können sie hier preiswert kaufen. Hinzu kommt, dass mit dem Kaufhaus und der angegliederten Möbelhalle im Rebenpark insgesamt rund 40 Arbeitsplätze für Menschen mit und ohne Beeinträchtigung geschaffen wurden. Und mit meinem Einkauf tue ich auch noch etwas für die Umwelt, indem ich nachhaltig einkaufe und den Warenkreislauf verlängere. Vier Fliegen mit einer Klappe.

In dieser Woche feiert das FAIRKAUF sein 5-jähriges Bestehen, weshalb ich mich bei der Lebenshilfe Braunschweig mit den verantwortlichen Projektleitern treffe. Ulrich Semmler, Bereichsleiter Arbeit, wird dabei nicht müde zu betonen, dass es sich beim FAIRKAUF um ein ganz normales Warenhaus handelt, „nur dass hier Waren aus zweiter Hand präsentiert werden. Gespendet von Braunschweigern für Braunschweiger.“ Ein ganz normales Kaufhaus, damit mag er Recht haben, wenn man die Produktpalette und den Anspruch betrachtet. Alle Waren sind in gutem Zustand, das garantiert das Sortieren durch ausgebildete Fachkräfte. Alle Waren werden nach Größe und Produktgruppe geordnet, man findet hier von Bekleidung über Schuhe, Haushaltswaren, Möbelstücke bis zu Spielzeug alles, was das Herz begehrt. Und auch der Wettbewerb ist ein ganz normaler, muss sich das Kaufhaus doch ökonomisch durch sich selbst tragen können. Aber für mich ist das FAIRKAUF mehr. Dadurch, dass sich das Sortiment ständig ändert, findet man immer mal wieder einen „kleinen Schatz“.

Michael Schumann lässt sich von ... ein Jackett zeigen. Foto: BSM

Michael Schumann lässt sich von Frau Seegers ein Jackett zeigen. Foto: BSM

Die Idee zum FAIRKAUF kam den Mitarbeitern der Lebenshilfe Braunschweig vor einigen Jahren, als sie neue „gemeindenahe“ Arbeitsplätze suchten, also Arbeitsplätze, die die Arbeitnehmer der Lebenshilfe in Kontakt mit den Braunschweiger Bürgern bringen: „Raus aus die Werkstatt, rein in die Gemeinde“, wie Semmler sagt. Da es noch kein solches Angebot gab, wurde vor fünf Jahren das Kaufhaus gegründet. Die oberste Prämisse war und bleibt, dass das FAIRKAUF kein Sozialkaufhaus ist, sondern jeder hier einkaufen kann und soll – mit Bezugsschein oder ohne, Familien, Singles, Senioren oder Studenten. Bislang geht das Konzept auf: „Das FAIRKAUF hat einen gut gemischten Kundenkreis. Anhand der gestiegenen Mitbewerber sieht man aber auch, dass momentan der Markt für gebrauchte Waren da ist.“

Im Kaufhaus arbeiten 15 Personen im Schichtbetrieb, hinzu kommen ehrenamtliche Helfer, die für ein paar Stunden in der Woche im Lager oder an der Kasse aushelfen. Jeder hat im Kaufhaus eine Aufgabe bekommen, die er gut meistern kann – der eine arbeitet lieber an der Kasse, der andere sortiert lieber vor und der nächste kann gut mit Kunden umgehen. „Unsere Motivation ist es, interessante und passgenaue Arbeitsplätze anzubieten. Wer im Kaufhaus arbeitet, der hat sich das bewusst ausgesucht und ist dafür auch qualifiziert. Wir haben zur Zeit insgesamt rund 1.100 Mitarbeiter, ungefähr 10 Prozent davon arbeiten außerhalb von Werkstätten, wie zum Beispiel in großen Unternehmen in der Metallverarbeitung, bei Bäckereien, im Einzelhandel, in Seniorenheime, in Kindergärten oder eben im FAIRKAUF“, ergänzt Michael Schumann, der als bei der Lebenshilfe als Abteilungsleiter unter anderem für das FAIRKAUF verantwortlich ist. Das FAIRKAUF ist ein anerkannter Ausbildungsbetrieb, einige Mitarbeiter werden hier als Kauffrau bzw. -mann ausgebildet. Er hofft, dass die Arbeit im FAIRKAUF für viele Mitarbeiter nur eine Station auf dem Weg für eine Arbeit in einem Betrieb außerhalb der Lebenshilfe ist.

Christian Kohlhause zeichnet neue Haushaltsartikel aus, während im Hintergrund die Weihnachtsware ausgepackt wird. Foto: BSM

Christian Kohlhause zeichnet neue Haushaltsartikel aus, während im Hintergrund die Weihnachtsware ausgepackt wird. Foto: BSM

Schumann betont, dass alle Mitarbeiter, die sich das FAIRKAUF als Arbeitsplatz ausgesucht haben, nicht wieder in die Werkstatt zurück wollen. Damit meint er, dass den Mitarbeitern die Arbeit mit den Kunden, und dann auch noch mitten in der Stadt, so viel Freude macht. Und auch wenn sie im Schichtbetrieb arbeiten, auch mal nörgelnde Kunden bedienen und dabei freundlich bleiben müssen – im FAIRKAUF ist das Arbeitsleben so normal wie möglich. Trotzdem kommt die nötige Unterstützung nicht zu kurz: Mindestens ein Sozialarbeiter ist immer vor Ort, der bei den kleinen oder großen Konflikten helfen kann.

Das große Engagement und die Freude der Mitarbeiter fällt auch mir bei jedem Einkauf im FAIRKAUF auf. Ich kann ungestört stöbern und suchen, sobald ich mich aber fragend umschaue, wird mir freundlich geholfen. Für die nächsten fünf Jahre wünsche ich der Lebenshilfe, dass das Kaufhaus weiterhin so gut angenommen wird und die Atmosphäre so einzigartig bleibt.

Den 5. Geburtstag feiert die Lebenshilfe am 7. November von 12 – 16 Uhr mit Rabattaktionen, Kinderschminken, Erbsensuppe sowie Kaffee und Kuchen.

Information

FAIRKAUF
Stecherstraße 4, 38100 Braunschweig

Öffnungszeiten
Mo.-Fr. 10 – 18 Uhr
Sa. 10 – 15 Uhr

Möbelhalle im Rebenpark
Geysostraße 20,38106 Braunschweig

Öffnungszeiten
Mo.- Fr. 8.30 – 15 Uhr
Sa. 10 – 15 Uhr

Waren-Spenden können in der Möbelhalle im Rebenpark abgegeben werden. Die Spenden sollten in einem guten Zustand sein. Als Leitspruch gilt: Die Spenden sollten so beschaffen sein, dass der Spender sie auch selbst wieder kaufen würde. Bei Bedarf können die Spenden auch abgeholt werden, zum Beispiel bei einer Wohnungsräumung. Nach Vereinbarung kann die Lebenshilfe einen Termin mit Wartezeit anbieten. Ulrich Semmler und Michael Schumann betonen im Gespräch, wie dankbar sie den Spendern sind. Ohne die Bereitschaft der Braunschweiger, für das FAIRKAUF zu spenden, fielen die Arbeitsplätze für die Mitarbeiter weg. Gerne gebe ich diesen Dank an Sie weiter.

(Artikelbild: BSM)

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