Mord im 18. Jahrhundert

Vielfältig ist die Geschichte der Löwenstadt. Das weiß auch Thomas Ostwald und beschäftigt sich in seinen Kriminalromanen nicht nur mit Mordfällen und Ermittlungen, sondern lässt seine Figuren tief in die Gegebenheiten und Widrigkeiten der ‚alten‘ Zeit einsteigen. Der gebürtige Braunschweiger hat seine Leidenschaft für Bücher zum Beruf gemacht, war im Buchhandel und Verlagswesen tätig und ist selbst Schriftsteller. Als einer der sieben Autoren von „Mord auf der Oker“ bringt er nicht nur spannende Kriminalgeschichten, sondern auch ein Stück Braunschweiger Geschichte auf die Oker.

Wie lange sind Sie jetzt einer der Autoren von „Mord auf der Oker“?
Ich weiß es nicht genau, seit zehn Jahren, glaube ich. Es könnten aber auch schon elf sein.

Das ist ja eine sehr lange Zeit. Was gefällt Ihnen daran? Und wie sind Sie dazu gekommen?
Diese Stimmung und die Atmosphäre gefallen mir. Die sind einmalig. Vor 17 Jahren hatte Dieter Werner von OkerTour nur ein einziges Floß. Da hat er mich eingeladen zu einer Probefahrt und ich fand die Atmosphäre damals schon faszinierend, wenn man im Halbdunkel völlig geräuschlos über die Oker gleitet. Daraufhin habe ich ihn gefragt, ob wir das Floß einmal für eine Lesung einsetzen können und habe aus Gerstäcker „Flusspiraten des Mississippi“ gelesen, was natürlich zur Oker gepasst hat. Es war sehr schön und hatte Erfolg, aber ich konnte es aus beruflichen Gründen nicht dauerhaft machen. Einige Jahre später kam dann das Format „Mord auf der Oker“ vom Stadtmarketing. Da konnte ich leider auch nicht von Anfang an dabei sein, was ich gerne gemacht hätte, weil ich gedacht habe: ‚Das ist ja noch viel besser als nur Abenteuergeschichten‘. Erst als ich beruflich weniger eingespannt war, konnte ich mich da voll reinhängen. Seitdem habe ich es teilweise so gemacht, dass ich extra für die Lesungen bei „Mord auf der Oker“ einen neuen Krimi geschrieben habe.

Lesen Sie dann die ganze Geschichte?
Keinen meiner Krimis kann ich in den 90 Minuten Fahrtzeit unterbringen. Ich mache das immer so, dass ich Anfang, Mitte und Ende lese. Was fehlt, erzähle ich dazwischen. Das funktioniert gut.

In vielen Ihrer Geschichten ermittelt Premierleutnant Friedrich Oberbeck – wer ist das?
Er hat im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg für die Braunschweiger auf Seiten der Engländer gekämpft. Dort hat er auf grausame Weise seine Frau verloren: Das Blockhaus, in dem sie und ihr erstes gemeinsames Kind waren, wurde von den Feinden niedergebrannt. Mittlerweile haben er und ich eine eigene kleine Fangemeinde. Da kommen bei „Mord auf der Oker“ auch Ratschläge und Wünsche, ob er denn nicht wieder eine Partnerin finden könnte. Das finde ich toll, denn in dem Augenblick weiß ich: Die Figur ist glaubwürdig. Die Leser leiden mit ihm. Er ist einsam in Braunschweig, hat immer nur seinen Beruf und muss mit diesem schrecklichen Herzog Carl Wilhelm Ferdinand umgehen. Ihm werden immer nur Steine in den Weg gelegt und trotzdem macht er seinen Weg.

Fließen solche Vorschläge des Publikums in Ihre Geschichten ein?
Ja, diese Anregung mit der Partnerin ist bereits zwei oder drei Jahre her. Da habe ich dann überlegt, was wäre glaubhaft? Daraufhin ließ ich ihn eine alte Schulfreundin wiedertreffen und die beiden haben etwas, das man damals als „Wirtschaftsgemeinschaft“ oder „Bratkartoffelverhältnis“ bezeichnet hat. Heute wäre sie seine „Lebensabschnittsgefährtin“. Sie wohnen natürlich getrennt, aber sie hält seinen Haushalt in Ordnung und kocht für ihn. Das geht ganz behutsam weiter mit den beiden.

Wenn Thomas Ostwald seine Kriminalgeschichten liest, bleibt selten ein Platz auf dem Floß leer. Foto: Braunschweig Stadtmarketing GmbH / Sascha Gramann.

Wenn Thomas Ostwald seine Kriminalgeschichten liest, bleibt selten ein Platz auf dem Floß leer. Foto: Braunschweig Stadtmarketing GmbH / Sascha Gramann.

Sie sprechen die damalige Zeit an: Ihre Kriminalromane spielen zur Regierungszeit Herzog Carl Wilhelm Ferdinands – Warum haben Sie sich dafür entschieden?
Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen ist das 18. Jahrhundert mit seinen ganzen Kriegen eine wahnsinnig interessante Zeit, angefangen beim Siebenjährigen Krieg bis zum Unabhängigkeitskrieg. Da gibt es auch immer einen Bezug zu Braunschweig, den ich reizvoll finde. Zum anderen finde ich auch die Person der Prinzessin Augusta von England, die Gemahlin von Herzog Carl Wilhelm Ferdinand, mit dem wunderschönen Schloss Richmond sehr interessant. Heutzutage wird sie oft ausgekoppelt oder sehr negativ dargestellt. Sie war sicherlich eine schwierige Person, weil sie sich ein bisschen abgesondert hat, da sie den Hof hier nicht mochte. Das ist ja auch der Grund, dass das Schloss Richmond als Fluchtort für sie gebaut wurde. In meinen Romanen hat sie viele Auftritte. Ich schildere sie dort ein bisschen menschlicher und spiele gleichzeitig mit den Schergen am Braunschweiger Hof.

Woher kam die Idee für Ihren Ermittler Oberbeck?
Ach, das bin ich eigentlich selbst. Dass ein Bürgerlicher aus Tapferkeitsgründen zum Offizier befördert wurde, das kam zwar schon vor, aber eben sehr, sehr selten. Dieser Mensch ist von Vornherein schon in einer Position, in der er nicht viel Glück hat. Denn jeder Adlige, der sich vielleicht sogar das Patent nur erkauft hat, schaut auf einen solchen Emporkömmling verächtlich herab. Herzog Carl Wilhelm Ferdinand gründet aufgrund verschiedener Vorfälle eine Polizeigruppe und greift dabei auf Oberbeck zurück, weil er einer der Erfahrenen ist. Obwohl er gleich zum Chef dieser Gruppe wird, hat er aber große Schwierigkeiten, wenn es zum Beispiel um die Befragung Adliger geht. Das gibt eine wundervolle Konfliktrolle, in die ich mich hineinversetzen kann. Ich habe dann auch einen alten Familiennamen gewählt – einer meiner Vorfahren mütterlicherseits hieß Friedrich Oberbeck und dieser war auch mit den Soldaten nach Amerika gegangen.

Wovon lassen Sie sich zu Ihren Kriminalfällen inspirieren?
Das ist sehr unterschiedlich. Beispielsweise wollte ich die Liberei unbedingt mal in einen Mordfall einbinden, weil das ein traumhaft schönes Gebäude ist. Dann habe mir einen Fall überlegt, bei dem es um einen Einbruch und um eine Schrift geht, die mit dem griechischen Feuer zu tun hat, ein Feuer, das der Überlieferung nach auch unter Wasser brannte und Schiffe unlöschbar sinken ließ. Das fand ich so faszinierend, als ich damals darauf gestoßen bin, dass ich den Mord drum herum konzipiert habe.

Und wovon handelt ihr neuester Krimi „Lokis Schmerzenkind“, aus dem Sie dieses Jahr lesen werden?
Da ist es so, dass ich einfach nicht glauben konnte, dass Menschen existieren, die von Geburt an schmerzunempfindlich sind. Sie wissen gar nicht, was Schmerzen sind. Diese Menschen leben nur in der Regel nicht sehr lange. Wie soll ein Kind überleben, das keine Grenzen hat? Schmerz ist ja auch eine Warnung. Ich glaube, weltweit gibt es etwa tausend solcher Menschen. Von einem handelt meine Geschichte. Ein gewissenloser Mensch nimmt ein solches Kind und gibt es als neuen Messias aus, um seine wirren Regeln aufzustellen und durchzusetzen. Er zeigt dann dem staunenden Publikum beispielsweise, wie dem Kind eine Dornenkrone aufgesetzt wird oder wie er ans Kreuz genagelt werden kann, ohne Schmerzen zu leiden.

Das klingt spannend. Da kann ich Ihrem Publikum und natürlich auch Ihnen nur viel Spaß wünschen bei Ihren Lesungen bei „Mord auf der Oker“. Vielen Dank für das Gespräch!

Informationen

Termine für Mord auf der Oker:
von Mai bis September freitags, samstags und sonntags um 20:00 Uhr
Juli bis August: zusätzlich samstags um 19:00 Uhr

Treffpunkt:
OkerTour, Anleger John-F.-Kennedy-Platz/Kurt-Schumacher-Straße, direkt an der Brücke

Dauer:
1,5 Stunden

Preis:
18 Euro pro Person

Termine für die Lesungen von Thomas Ostwald:
Samstag, 1. Juli 2017, um 19:00 Uhr
Freitag, 14. Juli 2017, um 20:00 Uhr
Samstag, 15. Juli 2017, um 20:00 Uhr
Samstag, 22. Juli 2017, um 20:00 Uhr
Sonntag, 30. Juli 2017, um 20:00 Uhr
Samstag, 5. August 2017, um 19:00 Uhr
Freitag, 25. August 2017, um 20:00 Uhr
Sonntag, 17. September, um 20:00 Uhr

Tickets für Mord auf der Oker können auf www.braunschweig.de/mordaufderoker oder in der Touristinfo, Kleine Burg 14, gebucht werden. Die Lesungsfahrten können auch für separate Gruppenfahrten gebucht werden.

Beitragsbild: Thomas Ostwald liest bei Mord auf der Oker. (Braunschweig Stadtmarketing GmbH / Sascha Gramann)

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