Aus der Zeit gefallen

Industriemaler wie Alexander Calvelli gibt es in Deutschland ganz selten. Vielleicht liegt es an den etwas sperrigen Motiven. Calvelli malt nämlich Orte, die keiner gerne in seiner Nähe hat: alte Industriebrachen zum Beispiel, qualmende Stahlwerke oder – Endlager für Atommüll. Für die Ausstellung „Zwischen Zucker und Zink“ in der Jakob-Kemenate hat er über 100 Bilder aus der Region erstellt. Vor allem die stillgelegten Werke haben es ihm angetan. Sie sind ein bisschen wie er selbst: Aus der Zeit gefallen.

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Andreas Calvelli vor der Jakob-Kemenate. Foto: Anne-Sophie Wittwer

An Alexander Calvelli heranzukommen ist nämlich gar nicht so einfach. Nicht weil er als Künstler eine Diva wäre, sondern weil er sich standhaft weigert, E-Mail oder Handy zu benutzen. Selbst auf die Motivsuche geht er lieber mit dem Fahrrad oder der Bahn als mit dem Auto. Und auch bei unserem Gespräch in der Jakob-Kemenate erscheint er ganz uneitel mit Jeans, Regenjacke und einem Leihrad von der AWO-Radstation.

„Ich bin, was diese modernen Telekommunikationsmittel betrifft, einfach nicht up to date“, entschuldigt sich Calvelli gleich mit seiner warmen, sonoren Stimme. 51 Jahre ist er alt. Er wohnt in Köln, stammt aber ursprünglich aus Frankfurt. Sein Bruder ist der bekannte Schauspieler Hannes Jaenicke, was Calvelli aber gerne verschweigt. Nicht, weil sich die Brüder nicht verstünden, sondern „weil die Leute dann immer nur deshalb in die Ausstellung kommen“.

So ist das eben: Im Gegensatz zu seinem Bruder braucht Calvelli nicht die große Bühne. Lieber hält er sich im Hintergrund und lässt seine Bilder mit den vielen Dinosauriern der Schwerindustrie wirken: Riesige, gigantische Schachtanlagen und Stahlöfen, neben denen der Mensch winzig-klein wirkt. Oder Anlagen, die schon stillgelegt sind und an frühere, größere Zeiten erinnern. „Sie sind genauso Zeitzeugen wie Schlössern und Burgen, aber im Gegensatz zu denen, werden sie ganz sicher nicht liebevoll restauriert werden, denn wer hat schon Interesse an einer alten, schmuddeligen Fabrik?“, sagt Calvelli.

Calvelli gibt ihnen wieder einen Wert. Dabei verschönert er sie nicht, glorifiziert sie nicht, malt keine „Helden der Arbeit“. Er dokumentiert ganz einfach. Hundertfach fotografiert er die Anlagen zuerst ab und malt sie dann akribisch und möglichst detailgetreu nach. „Malen nach Zahlen nennt das meine Lebensgefährtin“, grinst Calvelli. Der Fachausdruck heißt allerdings anders: „Photorealismus“.

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Der rostige Cortenstahl in der Jakob-Kemenate passt hervorragend zu den Industriemotiven von Calvelli. Foto: Birgit Leute

Ein bisschen erinnern seine Bilder an die von Courbet, Rembrandt oder auch Edward Hopper. Wenn er Menschen als Motiv wählt, wirken sie immer ein bisschen einsam und gesichtslos. Trotzdem hat er gerade bei den Arbeitern einen großen Erfolg. „‘Mensch, endlich malt einer mal unseren Alltag‘, höre ich oft“, sagt Calvelli. Und damit sich dieses Publikum seine Bilder auch leisten kann, wählt er extra kleine, preisgünstige Formate, was angesichts der abgebildeten gigantischen Maschinen ein bisschen skurril wirkt.

Was sagen eigentlich die Firmen, wenn er sich ankündigt? „Die meisten sind damit einverstanden, dass ich ihre Anlagen male“, sagt der Künstler. Natürlich wird er immer von Pressereferenten begleitet, wenn er in die Hallen geht. Aber nur wenige Unternehmen haben bislang abgelehnt, weil sie etwa Industriespionage fürchteten. Eins stellt Calvelli übrigens auch gleich klar: Er will mit seinen Bildern keine Werbung für die Betriebe machen. „Dafür sind die PR-Leute da.“

Für die Ausstellung in Braunschweig hat Alexander Calvelli fast zwei Jahre lang recherchiert, ist in die Asse eingefahren, stand neben den Hochöfen der Salzgitter Stahl  AG und entdeckte viele alte Zuckerfabriken und Mühlen. „So lange vorher habe ich mich noch nie vorbereitet“, erzählt er von seiner Spurensuche in einer bis dahin für ihn unbekannten Region.

Die lange Zeit der Vorbereitung hat sich gelohnt, denn: Mit Calvelli entdeckt man als Besucher viele Industrieanlagen, in die man sonst niemals kommen würde.

Information
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Auf seiner Spurensuche im Braunschweiger Land entdeckte Calvelli auch diese alte Zuckerfabrik. Foto: Birgit Leute

„Alexander Calvelli. Von Zucker bis Zink – Gemälde einer unzugänglichen Welt“
Ausstellung vom 18. September bis 9. November 2014 in der Jakob-Kemenate
Montag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr
Eintritt 5 Euro
Umfangreiches Begleitprogramm mit Möglichkeit zur Besichtigung einiger der dargestellten Industrieanlagen.

 

(Artikelfoto: Reihenweise schweres Gerät: Eine Bildwand in der aktuellen Ausstellung. Foto: Birgit Leute)

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