Der Weg zum Pflegekind

„Der Wunsch war einfach da.“ Mit ihren wachen, blau-grünen Augen blickt Janine für den Löwenstadtblog auf ihre Entscheidung zurück, gemeinsam mit ihrem Mann Karsten ein Pflegekind aufzunehmen. Sie erzählt mir, wie es dazu kam: „Wir haben nach einer Zeit des Versuchens bemerkt, dass wir keine leiblichen Kinder bekommen können.“ Doch das sollte nicht bedeuten, dass sie ihr Leben kinderlos verbringen werden.

… und dann war da dieses Plakat

Dieses Mädchen lächelte Janine und Karsten vom Plakat des Pflegekinderdiensts an. Foto: PhotoAlto

Dieses Mädchen lächelte Janine und Karsten vom Plakat des Pflegekinderdiensts an. Foto: PhotoAlto

Janine erinnert sich gerne an den Tag zurück, der ihr Leben veränderte: „An einem lauen Sommerabend sind wir durch die Innenstadt geradelt und kamen an einer Plakatwand vorbei, von der aus uns ein kleines Mädchen anguckte.“ Da stand: „Wir nehmen ein Pflegekind auf, ihr auch?“ Die beiden entschieden, einfach mal beim Pflegekinderdienst Braunschweig anzurufen. Dieser gehört zum Jugendamt und vermittelt zwischen Pflegekindern und Pflegeeltern. Ein paar Wochen später sitzen Janine und Karsten schon bei ihrer Ansprechpartnerin, die sie seitdem begleitet. „Nach dem Gespräch war uns klar – das könnte es sein.“

Eine ganz neue Welt

Was sich für Janine und Karsten nun auftut, ist eine ganz neue Welt. Immer wieder tauchen Fragen auf, immer wieder sprechen sie mit dem Pflegekinderdienst. „Aber die Zahlen haben uns überzeugt“, sagt Janine. Denn während statistisch gesehen weniger Kinder zur Adoption freigegeben werden, als es Paare gibt, die adoptieren möchten, ist es bei den Kindern, die eine Pflegefamilie suchen, genau andersherum: Hier gibt es zu wenig Familien, weshalb die Kinder dann in Heimen untergebracht werden: „Das geht einem nahe.“

Janine

Janine erzählt von ihrem Weg zum Pflegekind. Foto: BSM

Adoption vs. Pflegschaft

Ich frage Janine, was der Unterschied zwischen Adoption und Pflegschaft ist. „Bei einer Adoption bekommen die neuen Eltern das Sorgerecht. Wohnt ein Kind aber in einer Pflegefamilie, behalten die leiblichen Eltern in manchen Fällen das Sorgerecht und können ihr Kind sehen und mitbestimmen.“ Das bedeutet auch, dass das Kind die Chance hat, wieder in seine Ursprungsfamilie zurückzukehren. Aber: So etwas wird immer gemeinsam mit dem Jugendamt nach dem besten Interesse des Kindes entschieden. Während wir über diese rechtlichen Fragen sprechen, wählt Janine ihre Worte vorsichtig und überlegt länger, bevor sie sie ausspricht. Sie möchte den leiblichen Eltern gerecht werden, denn sie weiß: „Es muss furchtbar sein, sein Kind abgeben zu müssen. Die Eltern lieben ihr Kind und wollen, dass es ihm gut geht.“

Ist das ein Assessment-Center?

Nach den ersten Gesprächen wird es dann ernst. Janine und ihr Mann besuchen ein Seminar im Wendland, das sie auf ihre neue Aufgabe vorbereiten soll. Dabei sind andere interessierte Paare, Psychologen, Mitarbeiter vom Jugendamt und erfahrene Pflegeeltern mit ihren Kindern. „Das Seminar hat uns richtig geholfen“, findet Janine. Sie lernt dort, was auf sie zukommt und welche Probleme es geben könnte. Janine fühlt sich trotz der guten Stimmung währenddessen aber ein wenig beobachtet. „Man sollte möglichst normal sein“, weiß sie, doch fragt sich im Stillen auch mit etwas Humor: „Ist das gemeinsame Essen hier schon eine Art Assessment-Center?“

Pflegekinder sind ganz normale Kinder

„Wir sind jetzt irgendwie schwanger“, erzählen Janine und Karsten Ende 2013 ihren Familien. Denn sie haben endlich den Antrag, Pflegeeltern zu werden, abgegeben. Nach dem Seminar kommt das Jugendamt sie nun in ihrer Wohnung besuchen und spricht mit beiden auch einzeln. „Die potenziellen Pflegeeltern müssen schon einiges abkönnen und man muss als Paar funktionieren“, sagt Janine. Das Ziel der Überprüfungen ist es herauszufinden, ob sie bereit sind, ein Pflegekind aufzunehmen, das vielleicht auch besonderer Aufmerksamkeit benötigt. Janine erklärt das so: „Pflegekinder sind ganz normale Kinder – und doch anders. Sie spüren, dass ihre Eltern sie nicht behalten können und erleben viel Veränderung in den ersten Monaten.“ Werden sie nach der Geburt in Obhut genommen, kommen sie beispielsweise zuerst zu einer Bereitschaftspflegemutter und daraufhin zu Pflegeeltern. Für ein Baby ganz schön anstrengend.

Plötzlich zu dritt

Mittlerweile ist der Kleine schon seit vier Jahren bei Janine und ihrem Mann. Foto: Privat

Mittlerweile ist der Kleine schon seit vier Jahren bei Janine und ihrem Mann Karsten. Foto: Privat

2014 kommt irgendwo in Braunschweig ein kleiner Junge zur Welt, um den sich seine leiblichen Eltern nicht kümmern können. Aber sie möchten ihn auch nicht zur Adoption freigeben und ihn regelmäßig sehen. Also geben sie ihn als Pflegekind frei. Wenige Stunden später klingelt bei Janine das Telefon. Es ist der Pflegekinderdienst.

Janine sitzt an ihrem Schreibtisch im Büro, als ihr die Frau vom Pflegekinderdienst am anderen Ende der Leitung rät: „Setzten Sie sich mal.“ Janine dämmert: Die Zeit ist gekommen, jetzt bekommen wir ein Kind. Ihr wird sofort übel: „Das war furchtbar.“ Nach dem ersten Schock entscheidet sie mit ihrem Mann: „Ja, wir wollen für dieses Baby da sein.“ Erst lernen sie die leiblichen Eltern kennen, dann das Baby. Plötzlich geht alles ganz schnell: Fünf Wochen später zieht der Junge schon bei seinen Pflegeeltern ein.

Mama, Papa und die leiblichen Eltern

Heute wohnt der Kleine schon seit vier Jahren bei Janine und Karsten. 2016 bekommt er sogar eine zwei Monate alte Schwester, ebenfalls ein Pflegekind. Mich interessiert, wie die vierköpfige Familie mit den leiblichen Eltern umgeht. „Wir haben ein sehr gutes Verhältnis. Das ist natürlich nicht unbedingt selbstverständlich.“ Janine und Karsten sind Mama und Papa, die Kinder nennen die ursprünglichen Eltern beim Vornamen. „Fotos von ihnen hängen im Kinderzimmer und die Kinder sehen sie regelmäßig“, sagt Janine. Da die leiblichen Eltern das Sorgerecht haben, stimmt Janine wichtige Entscheidungen mit ihnen ab. Über alltägliche Fragen bestimmen aber Janine und Karsten. Letztendlich kommt Janine in unserem Gespräch immer wieder zu diesem Satz zurück: „Alle wollen das Beste für die Kinder.“

Der erste Schritt zum Pflegekind

Allein in Braunschweig wurden im Jahr 2017 476 Kinder in Obhut genommen, ein Viertel davon waren Kinder unter sechs Jahren. Aktuell werden für ein Baby und für vier Kleinkinder in Braunschweig Pflegeeltern gesucht.

Wenn Sie sich dafür interessieren, Pflegeeltern zu werden, können Sie sich beim Pflegekinderdienst melden und sich beraten lassen. Frau Susann Vollmer steht für alle Fragen zur Verfügung und bietet den ersten Kontakt. Außerdem gibt es regelmäßig Vorträge und Infoveranstaltungen zu dem Thema Pflegekinder: Am 21. September geht es um die „Chancen und Herausforderungen im Zusammenleben mit Pflegekindern mit Behinderung“.

Pflegekinderdienst
Berliner Platz 1 C
38102 Braunschweig
Susann Vollmer, Telefon: 05 31 47 08 46 8

Titelbild: Die Familie zu wechseln bedeutet für die Pflegekinder nicht nur umzuziehen, sondern auch, neue Bezugspersonen zu bekommen. Foto: pixabay.

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