Kräuter für’s Leben

An einem Donnerstagnachmittag im April treffe ich Burkhard Bohne, der sozusagen der „Vater“ des Klostergartens in Riddagshausen ist. Wir sitzen in der Sonne auf einer Holzbank vor der Sandstein-Mauer, die das Gelände des Klostergartens am östlichen Teil umgibt. Vor uns erstreckt sich eine saftig grüne Wiese, auf der sich junge, aber auch schon sehr alte Obstbäume befinden, die mal mit weißen und mal mit pinken Blüten übersät sind. Dahinter ragt der Namensgeber des Gartens, das Zisterzienserkloster Riddagshausen, empor. Burkhard Bohne, der im „echten“ Leben als Gärtnermeister den Arzneipflanzengarten der Technischen Universität Braunschweig betreut und den Studierenden sein großes Wissen über Heilpflanzen und –kräuter vermittelt, erzählt mir, wie die Idee des Klostergartens entstanden ist und welche Funktion er heute hat. Dazu ist aber zunächst ein kleiner Exkurs in die Geschichte notwendig:

Herrlich blühende Apfelbäume empfangen im April die Besucher. Foto: BSM

Herrlich blühende Apfelbäume empfangen im April die Besucher. Foto: BSM

Bereits in der Antike haben griechische und römische Ärzte ihre Patienten erfolgreich mit Kräutern und Pflanzen geheilt. Dieses uralte Wissen wird im „Wiener Dioskoridis“ überliefert, dem ältesten und wichtigsten Buch über Kräuterheilkunde, das in Europa entstanden ist. Großen Einfluss auf die Kräuterheilkunde hatte auch ein Kloster südlich von Rom, von wo aus im 6. Jahrhundert eine regelrechte Kräuterheilkunde-Missionierung von Klöstern stattfand.

Klöster hatten schon immer Gärten, in denen sowohl Kräuter als auch Obst und Gemüse zur Selbstversorgung angebaut wurden. Ich erfahre, dass die Zisterzienser-Mönche dabei am erfolgreichsten gewesen sind, weil sie eine besonders nachhaltige Landwirtschaft betrieben haben. Burkhard Bohne lobt die Arbeit der Mönche: „In den Überlieferungen der Zisterzienser finden wir alles, was nachhaltige Landwirtschaft angeht. Diese Arbeitsweise konnte bis heute nicht verbessert werden.“ Bereits vor hunderten von Jahren wurde demnach viel Wert darauf gelegt, den Boden stetig zu verbessern und zu schützen und ihn nicht nur für die Produktion von Gütern zu nutzen.

Die Heilkräuter wurden vor allem in den Hospitälern, die sich oftmals in der Nähe eines Klosters befanden, benötigt. In diesem Zusammenhang lerne ich auch, dass die Kräuterfrauen, die im Mittelalter oft als Hexen beschimpft und deshalb verbrannt wurden, eigentlich eine sehr wichtige Rolle innehatten: „Das war ein sehr komplexes Erfahrungswissen, was die Frauen hatten“, erzählt mir der Fachmann. Zum Glück waren die Klöster schon damals sehr gut organisiert und haben ihr Wissen um die Kräuterheilkunde, aus dem sich die heutige Pharmazie entwickelt hat, aufgeschrieben.

Fasziniert von den Möglichkeiten, die die Kräuterheilkunde bietet, hat Burkhard Bohne schon lange den Wunsch gehegt, einen Klostergarten bauen zu wollen. Aus historischen Aufzeichnungen ist bekannt, dass es in Riddagshausen wohl schon im Mittelalter einen Klostergarten gegeben hat. Der neue Garten in Riddagshausen wurde vor 16 Jahren schließlich nach dem Vorbild des Abt-Gartens aus dem St. Gallener-Klosterplan angelegt, der eine frühe Darstellung eines Klosterbezirks aus dem Mittelalter enthält.

Burkhard Bohne erzählt mir, dass der Klostergarten dazu dient, interessierten Besuchern die Grundlagen des Klostergärtnerns zu zeigen, wie zum Beispiel die Anpflanzung von Gemüse und Kräutern auf Hochbeeten. Zudem ist es sein besonderes Anliegen, alte Obstsorten zu kultivieren. Ich lerne, dass die Griechen und Mönche es durch Veredelung geschafft haben, etwa 2.000 Apfelsorten zu züchten. Zum Vergleich: Nach dem zweiten Weltkrieg gab es nur noch etwa 50 Sorten. Bei der Anpflanzung neuer Bäume wird darauf geachtet, dass sie mit einem Kloster in Verbindung stehen und auch in die Region passen, damit sie sich gut in ihrem natürlichen Lebensraum entwickeln können und thematisch in diesen besonderen Garten passen.

Die Auswahl der Pflanzen im Klostergarten erfolgt nach der Capitulare de villis. Hierbei handelt es sich um eine Landgüterverordnung Karls des Großen, in der festgehalten ist, welche Pflanzen ein Landgut oder auch Klostergarten enthalten sollte, um die Bevölkerung gesund zu halten. In Riddagshausen sind derzeit etwa 40 verschiedene Kräuter, 30 Gemüsesorten sowie 60 Bäume, unter denen sich etwa 25 verschiedene Apfelsorten befinden, gepflanzt.

Beeindruckt von dem Wissen, das Burkhard Bohne sich im Laufe der Jahre zu dem Thema angeeignet hat, frage ich ihn, ob er allein den Garten das ganze Jahr über pflegt und entscheidet, welche neuen Pflanzen aufgenommen werden. „Nein“, antwortet er, „seit 15 Jahren gibt es Kulturpaten, die sich unter meiner Anleitung ehrenamtlich um einzelne Stücke des Gartens kümmern.“ Die Kulturpaten sind Braunschweiger, die Lust an der Gartenarbeit sowie Interesse an Heilpflanzen und dem Anbau von Obst und Gemüse haben. Doch nicht nur das Säen und Unkraut jäten haben sich die Kulturpaten zur Aufgabe gemacht: Aus den Erträgen ihrer Ernte stellen sie Pestos, Saft und weitere leckere Dinge her oder backen Apfelkuchen, der zum Beispiel beim Kulturpaten-Café am 7. Mai verspeist werden kann.

Burkhard Bohne (Mitte) und die Kulturpaten kümmern sich um den Klostergarten. Foto: BSM

Burkhard Bohne (Mitte) und die Kulturpaten kümmern sich um den Klostergarten. Foto: BSM

Burkhard Bohne freut sich über das Interesse der Bürger am Klostergarten: „Ich finde es toll, dass das Bewusstsein für nachhaltig angebaute Lebensmittel seit einigen Jahren wieder steigt.“ Er stellt fest, dass sich nach und nach wieder mehr Menschen mit dem Thema identifizieren. Für neuen Input sorgen dabei sicher auch die geplanten Themengärten, von denen einer noch in diesem Jahr angelegt werden soll. Dort kann man sich in Zukunft über den Anbau von Getreide oder besondere Gemüse-Sorten informieren.

Wer sich für Kräuter, Heilpflanzen sowie den Anbau von Obst und Gemüse interessiert, dem sei nicht nur ein Besuch des Klostergartens ans Herz gelegt. An den Samstagen 6. Mai, 3. Juni und 2. Juli finden auf dem Platz der Deutschen Einheit die BBG-Blumenmarkttage statt. Dort gibt es allerhand Pflanzen, Kräuter und Informationen rund um das Thema Blumen und Heilkräuter. Besucher können sich außerdem über Pflege und Gesundheit von Pflanzen informieren.

Informationen:

Klostergarten Riddagshausen
Klostergang
38104 Braunschweig
www.klosterkirche-riddagshausen.de/klostergarten

Öffnungszeiten:
Täglich von 10:00 – 16:00 Uhr

Führungen:
Während der Gartensaison jeden ersten Sonntag im Monat um 15:00 Uhr.

Alle Fotos: BSM

Hinterlassen Sie einen Kommentar

© Braunschweig Stadtmarketing GmbH (BSM)