Mit Hand und Herz für die vergessenen Kinder

Stellen Sie sich folgende Situation vor: Eine alleinerziehende Mutter erleidet eine psychische Erkrankung. Es zieht ihr den Boden unter den Füßen weg. Obwohl sie selbst nichts dafür kann, geht ihr der Alltag nicht mehr wie gewohnt von der Hand. An manchen Tagen läuft ihr Leben fast normal, an anderen weiß sie die einfachsten Dinge nicht zu regeln. Und dann ist da noch ihre fünfjährige Tochter. Die natürlich spürt, was in der Mutter vor sich geht. Die versteht, die über sich hinaus wächst, die die Dinge selbst in die Hand nimmt. Während die Mutter in ärztlicher Behandlung ist, ist das Mädchen auf sich allein gestellt. Redet nicht über seine Sorgen und Probleme, will stark wirken und verlernt dabei, ein Kind zu sein.

Die Initiative „Braunschweig bewegt was“ nimmt genau diese Kinder in den Fokus. In Kooperation mit sechs großen Institutionen in Braunschweig will sie eine Anlaufstelle für Menschen aufbauen, die diesen „vergessenen Kinder“ helfen möchten.

Eine dieser Institutionen ist der Verein für gemeindenahe sozialpsychiatrische Hilfen der weg e. V. Um herauszufinden, wie ein mögliches Engagement für die betroffenen Kinder aussehen kann, verabrede ich mich mit Gerd Osterloh, Ansprechpartner für das Projekt „Kinderpaten“ im Verein der weg und Bernd Wallenhorst, der bereits seit vier Jahren ehrenamtlich als Kinderpate tätig ist.

Herr Wallenhorst, wie sind Sie dazu gekommen, sich als Kinderpate zu engagieren?

Bernd Wallenhorst: Ich bin über einen Bericht in der Zeitung auf das Kinderpaten-Projekt vom Verein der weg aufmerksam geworden. Zu dem Zeitpunkt war ich bereits zwei Jahre in Rente und wollte mich ehrenamtlich engagieren. Da ich zuvor etwas Ähnliches auf privater Basis gemacht hatte und selbst keine Enkelkinder habe, meldete ich mich beim weg.

Herr Osterloh, Welche Voraussetzungen muss jemand wie Herr Wallenhorst erfüllen, wenn er Kinderpate werden möchte?

Gerd Osterloh: Besonders wichtig ist uns die Zuverlässigkeit. Kinder und Eltern müssen sich darauf verlassen können, dass die Paten-Termine stattfinden. Dabei reicht es völlig aus, wenn man sich einmal die Woche trifft und einen Nachmittag miteinander verbringt. Wichtig ist für uns auch, dass Paten bereit und in der Lage sind, beispielsweise im Fall eines Klinikaufenthaltes der Eltern, das Kind bei sich aufzunehmen.

Vorab gibt es eine kleine Überprüfung der Person. Wir gehen sehr intensiv in das Gespräch mit den Interessenten, klopfen ab, wie das Vorwissen ist und bieten entsprechend Schulungen an. Dabei kann es um rechtliche Aspekte, um Fragestellungen zur Kinder- und Jugendpädagogik, um psychische Erkrankungen und natürlich auch um Beziehungsaspekte gehen. Unsere Paten gehen also gut vorbereitet in die Arbeit mit dem Kind.

Danach gibt es ein erstes Treffen mit dem betroffenen Elternteil, beim zweiten Treffen ist das Kind dabei. Wenn die Chemie zwischen allen stimmt, steht der Patenschaft nichts mehr im Wege.

Wie gestaltet sich die gemeinsame Zeit?

Bernd Wallenhorst: Wie Herr Osterloh schon sagte, sollte man einmal in der Woche Zeit mit dem Kind verbringen. Sei es bei einem Kinobesuch, beim Schwimmen, beim Mensch-ärgere-dich-nicht-spielen oder einfach nur auf dem Sofa entspannen. Im Laufe der Zeit ist meiner Frau und mir die Kleine richtig ans Herz gewachsen. Wir sehen uns nicht nur an einem Tag. Aber das ist, glaube ich, nicht die Regel.

Gerd Osterloh: Das stimmt. Aber am Beispiel von Herrn Wallenhorst sieht man sehr gut, wie herzlich sich das Verhältnis zwischen Kind und Paten entwickeln kann. Aus den Vorgaben, die das Projekt macht, ist hier eine wesentlich umfangreichere Beziehung entstanden. Mittlerweile unternimmt Familie Wallenhorst auch größere Ausflüge mit dem Kind. Das ist natürlich eine ganz tolle Entwicklung, aber grundsätzlich nicht die Voraussetzung für angehende Paten.

Sehe ich das richtig, dass jeder Pate über die Zeit hin nur ein Kind betreut?

Bernd Wallenhorst: Ja klar. Das wird sich auch nicht ändern, ein anderes möchte ich gar nicht mehr haben (lacht).

Wie kann dieser eine, gemeinsame Tag, den das Projekt für die Patenschaft vorgibt, dem Kind in seiner Situation helfen?

Gerd Osterloh: Die psychische Erkrankung der Eltern ist auch für die Kinder eine hohe Belastung. Patenschaften können die Auswirkungen für die Kinder ein bisschen abmildern. Kinder neigen dazu, selbst Verantwortungen innerhalb der Familie zu übernehmen, wenn die Eltern auf Grund von Erkrankungen Teilbereiche nicht mehr gut abdecken können. In den Patenschaften ist es den Kindern möglich, Beziehungen zu Erwachsenen aufzunehmen, die ungetrübt sind von solch einer Entwicklung. Dabei ist ganz wichtig, dass immer das Kind im Vordergrund steht. Die Paten kommen, um sich ganz konzentriert nur mit ihm zu beschäftigen. Gleichzeitig ist die Patenschaft aber auch für die Eltern eine große Stütze.

Inwiefern?

Gerd Osterloh: Beispielsweise, wenn Klinikaufenthalte notwendig sind. Wenn die Eltern wissen, dass ihr Kind in der Zeit bei einer vertrauten Person ist und ganz gewohnt die Schule besuchen oder beispielsweise auch zum Sportverein gehen kann, können sie solche Aufenthalte sicherer planen. Liegt dieser Luxus nicht vor, neigen Eltern dazu, Klinikaufenthalte zu schieben, was oft zur Folge hat, dass diese viel länger dauern, als es eigentlich notwendig gewesen wäre.

Bernd Wallenhorst: In unserem Fall hat die Mutter auch öfter Streitigkeiten mit dem Vater. Wenn sie dann ein Gerichtstermin oder ähnliches ansteht, ist sie natürlich auch aufgewühlt, davor wie danach. Dann nehme ich das Mädchen zu mir. Das ist für die Mutter eine große Erleichterung.

Thematisiert das Kind oft, was zuhause los ist?

Bernd Wallenhorst: Eigentlich kaum. Vereinzelt, wenn ich sie von zuhause abhole. Aber sobald wir die Wohnungstür schließen, ist das Thema wie weggeblasen.

Gerd Osterloh: Das zeigt auch sehr gut, wie das Konzept aufgeht. Die Kinder werden von den Paten außerhalb ihrer Familien betreut, um Zeitfenster zu ermöglichen, in denen nicht die familiäre Belastung, sondern ganz allein das Kind im Vordergrund steht.

Würden Sie sagen, dass die Arbeit auch Sie verändert hat?

Bernd Wallenhorst: Meine Ärztin sagt immer, die Kleine hält mich gesund (lacht). Und das denke ich auch. Keiner weiß, wie es anders gewesen wäre. Wir verbringen viel Zeit miteinander, mindestens zwei Tage die Woche. Ohne sie hätte ich mir auch sicherlich nicht zum siebten oder achten Mal den Starlight-Express angeschaut. Aber jedes Mal, wenn die Show vorbei ist, kommt prompt die Frage: ‚Fahren wir da nächstes Jahr wieder hin?‘ Da kann ich natürlich nicht nein sagen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Für alle, die sich für eine Patenschaft interessieren, hier die wichtigsten Fakten kurz zusammengefasst:

An wen richtet sich das Projekt ‚Kinderpaten‘?

An Menschen,

  • die gern mit Kindern zusammen sind,
  • die über eine stabile Persönlichkeit verfügen,
  • die eine verbindliche und langfristige Beziehung zu einem Patenkind aufbauen möchten,
  • die das Kind bei Klinikaufenthalten seiner Eltern vorübergehend aufnehmen können.

Wem helfe ich damit?

  • Kinder von Eltern mit psychischen Erkrankungen, die selbst aber psychisch gesund sind.

Wie lang dauert die Patenschaft?

  • Kein festgesetztes Ende, eine langfristige Beziehung wird angestrebt.
  • Nach einem Jahr gibt es Feedbackgespräch mit Kind, Mutter und Paten, bei dem einvernehmlich entschieden wird, ob die Beziehung fortgesetzt wird.

Was passiert im Vorfeld?

  • eingehende Prüfung der Person
  • Vorlegen eines polizeiliches Führungszeugnis (Ausstellung in diesem Fall kostenlos) und eine ärztliche Bescheinigung
  • bei Bedarf Schulungen zu bestimmten Themen

An wen kann ich mich wenden, wenn ich mich für eine Patenschaft interessiere?

Verein für gemeindenahe sozialpsychiatrische Hilfen der weg e. V.
Bruchtorwall 9-11
38100 Braunschweig
Tel.: 0531 242 9110
kinderpaten@der-weg-bs.de
www.der-weg-bs.de

Beitragsbild: iStock.com/princessdlaf

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