Mit dem Klavier um die Welt

Das erste Konzert des Jahres war ein Klavierkonzert und führte mich in die Fahrradwerkstatt in der Eulenstraße. Auch wenn ein Klavier nichts weiter als Pedale mit einem Fahrrad gemeinsam hat, so passte der Ort hervorragend zum Konzertabend. Mitten in der geräumigen Halle stand das schwarze Klavier, an den Wänden hingen Schraubschlüssel, Fahrradreifen und anderes Werkzeug, zu trinken gab es Bier statt Wein. Kurz gesagt: Es war kein klassisches Klavierkonzert, sondern der Beginn eines großen Experiments.

Das Vorhaben von Klavierspieler Jan Augsberg  ist es, in diesem Jahr einhundert Konzerte zu spielen – jedes in einer anderen Stadt. Der Auftakt zu dieser groß angelegten Tour fand in Braunschweig statt, seiner Heimatstadt. Ich habe mich mit Jan Augsberg getroffen und mit ihm über seine Tour #100100365 gesprochen.

Jan, du hast deinen Job und deine Wohnung in Braunschweig gekündigt, um im nächsten Jahr 100 Konzerte in 100 Städten zu spielen. Wie kommt man auf diese Idee?

Jan Augsberg

Jan Augsberg

Ich habe die Idee im Sommer 2015 entwickelt. Der Gedanke dahinter war es, sich ein Konzept zu überlegen, welches, sogar unabhängig von der Qualität der Musik, viele Leute ansprechen und überzeugen kann. Ich hab mir für das Ganze ein Jahr Zeit gegeben, ein Sabbatjahr quasi, in welchem ich ausprobiere, wie weit beziehungsweise wie viel man erreichen kann, wenn man so gut wie gar keine Kontakte zur Musikbranche hat.

Das Ganze soll auf der einen Seite unmöglich klingen, auf der anderen aber gerade noch zu verwirklichen sein. Eine Art Challenge, bei der die Leute mitfiebern können: „Das schafft der doch nie!“, „Wie soll das funktionieren?“,  bis „Wow, jetzt fehlen ihm wirklich nur noch 25 Konzerte!“ und so weiter.

Worauf freust du dich in den kommenden 365 Tagen am meisten?

Auf den Tag, an dem das letzte Konzert zugesagt wird. Das Reisen, das Spielen, die Menschen, all das ist natürlich Teil des Abenteuers; aber wenn ich es wirklich schaffen sollte die hundert Konzerte vollzukriegen, das wäre toll. Bis dahin wird es noch unendlich viel Arbeit, auf die ich mich aber freue.

Was glaubst du, wird die größte Herausforderung während deiner Reise werden?

Die größte Herausforderung wird die Logistik im Allgemeinen sein. Wo spiele ich als nächstes, wie komme ich dorthin, wo schlafe ich vor Ort? Dadurch, dass ich Klaviermusik mache und es ein Klavier am Auftrittsort geben sollte, ist es natürlich viel schwerer an passende Auftrittsorte heran zu kommen.

Wie bist du zur Musik gekommen?

Ich mache schon seit Ewigkeiten Musik. Mit fünf Jahren habe ich Klavierunterricht genommen. Irgendwann hatte ich dann keine Lust mehr auf den klassischen Unterricht und habe eigene Sachen ausprobiert. Zu Beginn des Studiums hatte ich dann auch eine Band. Als die sich auflöste, habe ich meinen Fokus auf die beiden Soloalben gerichtet, die ich in den letzten eineinhalb Jahren aufgenommen habe.

Du bist gelernter Architekt, hast einige Jahre in diesem Beruf gearbeitet. Ist es ein Lebenstraum, von der Musik leben zu können?

Mein Traum ist es unabhängig zu sein. Das muss nicht unbedingt als Musiker sein. Vieles ist vorstellbar. Gerade entwickle ich eine App mit einem Freund. Durch Bekannte habe ich auch Einblicke in andere Berufsbranchen erhaschen können. Es gibt viele interessante Felder, ich habe das Gefühl, dass es in den kommenden Jahren in alle Richtungen gehen kann. Jetzt liegt mein Fokus aber natürlich erst einmal auf der Musik.

Welche Art von Musik machst du, wie kann man deine Musik beschreiben?

Diese Frage kann ich nicht beantworten. Ich hab auch leider keinen Vergleich. Ich bekomme die Frage oft gestellt und antworte meist damit, dass es ehrliche Musik ist. Es steht niemand hinter mir, der mir sagt, dass ich es doch mal so spielen oder die Strophe hier oder da ändern sollte. Die Musik ist die einzig wahre Ausdrucksmöglichkeit, welche mir zur Verfügung steht. Verglichen wurde meine Musik von anderen mit Nick Cave oder auch The National. Das sind große Musiker. Ich weiß nicht, ob ich den Vergleichen standhalte.

Das erste Konzert fand in Braunschweig statt – gibt es schon einen Plan für das nächste?

Die Planung läuft auf Hochtouren. Das Ganze soll sich nicht nur auf nationaler Ebene abspielen. Europa, Asien, Amerika sind im Fokus. Es wird aber alles noch rechtzeitig angekündigt.

Angenommen ich würde in einer Stadt wohnen, in der du noch kein Konzert geplant hast. Was müsste ich tun, damit du bei mir in der Stadt ein Konzert spielst?

Das erste Konzert seiner Tour #100100365 spielte Jan Augsberg in einer Fahrradwerkstatt

Das erste Konzert seiner Tour #100100365 spielte Jan Augsberg in einer Fahrradwerkstatt. Foto: BSM

Jeder, in jeder Stadt der Welt, hat die Möglichkeit, mich unter hello@janaugsberg.com anzuschreiben. Ich mache auch keine Unterschiede zwischen Städten wie Salzgitter oder New York. Natürlich gibt es Unterschiede, aber jedes Konzert in jeder Stadt wird mit gleicher Hingabe geplant. Teil des Konzeptes ist auch, dass alles möglich sein sollte. Ich muss also nicht nur an klassischen Auftrittsorten auftreten: Galerien, Unis, Museen, Spielplätze, Baumhäuser – alles ist denkbar, wenn ein Klavier vor Ort ist. In Braunschweig habe ich das Konzert in einer Fahrradwerkstatt gespielt. Die einzige Vorgabe ist, dass ich ausschließlich ein Konzert in jeder Stadt spielen werde.

Vielen Dank für das Gespräch, Jan. Ich wünsche dir viel Erfolg und viele, viele schöne Konzerterlebnisse.

Die Tour von Jan Augsberg kann auf http://www.janaugsberg.com/ und auf Facebook verfolgt werden. Vergangene Konzerte werden dokumentiert und zukünftige Konzerte angekündigt. Eine Konzertkritik über das erste Konzert in Braunschweig hat Stefanie Krause von Kult-Tour geschrieben.

Artikelbild: Ruben Knoll

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