Neues Konzept für regionale Kunst

Sie steht selbstbewusst und mit zielstrebigem Blick da, ihr Arm ist weit zur Seite ausgestreckt. Bekleidet nur mit hohen Schuhen, einem Slip und einer blauen kurzen Jacke hält sie ein Kuscheltier mit der rechten Hand weit von sich. Die Fotografie „Großer Wurf #1 – Selbstbildnis mit Stoffhund“ der Braunschweiger Künstlerin Hanna Nitsch ist aktuell auf Plakaten und Flyern zu sehen und macht mich sofort neugierig.

"Großer Wurf #1 - Selbstbildnis mit Stoffhund" von Hanna Nitsch.

„Großer Wurf #1 – Selbstbildnis mit Stoffhund“ von Hanna Nitsch. Foto: BSM.

Ende Januar eröffnete die „halle267 – städtische galerie braunschweig“ ihre Pforten mit der selbstironisch betitelten Ausstellung „Großer Wurf 1“ von Hanna Nitsch. Dort ist auch ihr außergewöhnliches Selbstportrait als Wandtapete in überlebensgroßer Dimension ausgestellt. Schnell war klar: Da muss ich hin! Um zudem mehr über das neue Konzept der Ausstellungshalle zu erfahren, treffe ich mich vor Ort an einem kalten, aber sonnigen Februartag mit Sara Kleinwechter und Lisanne Rinke. Sie sind als Mitarbeiterinnen der Stadt Braunschweig für die Organisation und Betreuung der halle267 zuständig.

Ein Ort für regionale Kunst

Sara Kleinwecher und Lisanne Rinke vor den Tuschezeichnungen "Nullserie I-VI", in denen sich Hanna Nitsch mit Farben, Formen und einem Kodierungssystem auseinandersetzt.

Sara Kleinwecher und Lisanne Rinke vor den Tuschezeichnungen „Nullserie I-VI“, in denen sich Hanna Nitsch mit Farben, Formen und einem Kodierungssystem auseinandersetzt. Foto: BSM.

Schon seit 2010 dient die Halle an der Hamburger Straße 267 als Ausstellungsfläche. Bis 2014, so erzählt mir Sara Kleinwechter, nutzte die HBK sie für Ausstellungen ihrer Studierenden. Daraufhin vermietete die Stadt Braunschweig die Halle an verschiedene Kunstschaffende und probierte so bis 2017 aus, wie sie am besten genutzt werden könnte.

„Das Ziel ist es, der Braunschweiger Kunstszene einen Raum zu geben, in dem sie sich entfalten kann“, so Sara Kleinwechter. „Denn wir hören von Künstlerinnen, Künstlern und den regionalen Kunstinstitutionen immer wieder, dass es einen großen Bedarf an Ausstellungsflächen gibt“. Nach drei Jahren des Ausprobierens heißt die Ausstellungsfläche nun kurz, prägnant und einprägsam „halle267“ und präsentiert ihr neues Konzept der Öffentlichkeit. „Zur Vernissage von ‚Großer Wurf 1‘ begrüßten wir über 200 Gäste in der halle267, und auch die Pressereaktionen sind sehr positiv“, freut sich Lisanne Rinke.

Hanna Nitschs „Großer Wurf 1“

Großer Wurf 1 - die erste Ausstellung unter dem neuen Konzept der halle267.

Großer Wurf 1 – die erste Ausstellung unter dem neuen Konzept der halle267. Foto: BSM.

Gemeinsam mit Lisanne Rinke und Sara Kleinwechter besuche ich ihn nun: den „Großen Wurf 1“. An der Rezeption bekomme ich direkt den sogenannten „Laufzettel“ angeboten, der die einzelnen Kunstwerke näher beschreibt. Da sage ich natürlich nicht nein. „In der Zusammenarbeit mit Hanna Nitsch hat mich besonders ihre flexible und spontane Arbeitsweise fasziniert – Sie hat sehr intensiv mit dem Raum gearbeitet und sich auf ihn eingelassen“, erzählt Lisanne Rinke. Eine Besonderheit der halle267 ist, dass sie sehr viel Platz und hohe Decken bietet. „Und das alles fünf Straßenbahnminuten vom Rathaus entfernt“, schwärmt meine Interviewpartnerin.

Die Rolle der Künstlerin in der Gesellschaft

In "Anrufung #1" stellt sich die Künstlerin Hanna Nitsch verhüllt dar.

In „Anrufung #1″ (große Wandtapete, rechts) stellt sich die Künstlerin verhüllt dar. Foto: BSM.

Beim Betreten der Ausstellungsfläche fällt mir direkt Hanna Nitsch in überlebensgroß auf ihrem Selbstbildnis mit dem Stoffhund auf. Mich fasziniert die auf 4 X 3 m gedruckte Wandtapete, auf die die Februarsonne rechteckige Lichtinseln malt und sie so wärmer und lebensnaher erscheinen lässt. Mein praktischer Laufzettel verrät mir, dass die Künstlerin mit ihrer Pose und dem Kuscheltier ein Werk von Joseph Beuys zitiert und ihre Rolle als Künstlerin in der Gesellschaft hinterfragt.

Ein zweites, ebenso großes Selbstportrait könnte kaum unterschiedlicher sein: Hier verhüllt sich die Künstlerin in einem weißen, leicht transparenten Stoff, der sie als Persönlichkeit unerkannt bleiben lässt. Auch die an der gegenüber liegenden Wand hängenden Videoarbeiten zeigen unter anderem Hanna Nitsch selbst. „Zuvor hat sich Hanna Nitsch in vielen Werken mit ihren Kindern auseinandergesetzt, von denen hier auch eine Auswahl zu sehen sind. Aber die Auseinandersetzung mit dem Selbstportrait in dieser Form ist neu für sie und die beiden großen Wandtapeten eigens für diese Ausstellung entwickelt“, erklärt Sara Kleinwechter.

Umfangreiches Rahmenprogramm

Bevor sich Hanna Nitsch mit Selbstdarstellungen beschftigte, malte sie viele Bilder von ihren Kindern, die auch zur Vernissage von "Großer Wurf 1" dabei waren.

Bevor sich Hanna Nitsch mit Selbstdarstellungen beschäftigte, malte sie viele Bilder von ihren Kindern. Manche dieser Werke, wie „redux #3″, sind auch in ihre aktuelle Ausstellung zu sehen. Foto: BSM.

Ich mag es, Informationen zu der Kunst zu bekommen, die ich erlebe. Deshalb finde ich es auch unbedingt erwähnenswert, dass die halle267 für „Großer Wurf 1“ ein umfangreiches Rahmenprogramm mit Führungen, Workshops und Vorträgen anbietet. Dabei sind unter anderem eine Führung im Dunkeln und ein Vortrag über die Haltbarkeit von Papier als Material in Kunstwerken. Lisanne Rinke ergänzt: „Workshops für Schulklassen können wir auf Nachfrage auch zu flexiblen Terminen organisieren“.

Das neue Konzept der halle267

Die Videoarbeiten "Burn!", "HertBeatHeart" und "Solaris" laufen ständig zeitversetzt durch. Kopfhörer auf und in die Welt der Künstlerin abtauchen.

Die Videoarbeiten „Burn!“, „HertBeatHeart“ und „Solaris“ laufen ständig zeitversetzt durch. Kopfhörer auf und in die Welt der Künstlerin abtauchen. Foto: BSM.

Zukünftig sollen in der halle267 ausschließlich regionale Künstlerinnen und Künstler ausstellen. Das neue Konzept lässt dabei Raum für verschiedene Ausstellungsformen: So sind Einzel- oder Gruppenausstellungen, Ausstellungen von Institutionen und Kuratoren oder Ausstellungen von ehemaligen Braunschweiger Künstlern wie beispielsweise HBK-Absolventen möglich. Der Fachbereich Kultur der Stadt Braunschweig, der die halle267 verwaltet, kann dabei die Ausstellung auch initiieren und unterschiedlich aktiv mitwirken, beispielsweise wie bei Hanna Nitsch die Bewerbung der Ausstellung übernehmen. Ein Gremium entscheidet über die Auswahl der Künstlerinnen und Künstler, die die halle267 nutzen können. „Für 2019 können sich Kunstschaffende aus der Region noch bis zum 15. März bewerben“, berichtet Sara Kleinwechter. „Das Gremium, in dem neben der Dezernentin für Kultur und Wissenschaft der Stadt Braunschweig, Dr. Anja Hesse, Vertreterinnen und Vertreter der regionalen Kulturinstitutionen sitzen, trifft die Auswahl daraufhin in einer Diskussion“.

Sind Sie neugierig geworden? Bis zum 4. März können Sie sich den „Großen Wurf 1“ noch anschauen. Auf die darauffolgenden Ausstellungen in der halle267 bin ich auch schon gespannt – ab April dürfen wir uns auf eine Ausstellung des Museums für Photographie freuen.

Informationen

Hanna Nitsch: Großer Wurf 1
halle267– städtische galerie braunschweig
Hamburger Straße 267, 38114 Braunschweig
Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags 15:00 – 18:00 Uhr, donnerstags 15:00 – 20:00 Uhr
www.braunschweig.de/halle267

Titelbild: Blick in die Ausstellung „Großer Wurf 1“ von Hanna Nitsch in der halle267. Foto: BSM

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