Alltagshelden in Warnwesten

Elternlotsen – wie Superhelden in schimmernden Warnwesten-Rüstungen werfen sie sich vor heranrasende Autos, um Schülerinnen und Schülern die Überquerung der Straße zu ermöglichen. Nur mit einer Kelle bewaffnet stehen sie zwischen den Kindern und den Gefahren des Schulwegs. So zumindest stelle ich mir die Aufgabe von Elternlotsen vor … und liege damit völlig falsch.

„Nur die Polizei darf Autos anhalten“, erklärt mir Michael Schlutow. Als Polizeioberkommissar im Präventionsteam der Polizeiinspektion Braunschweig ist er Ansprechpartner für Schulen bei Projekten rund um das Thema Verkehrssicherheit. Er gibt Verkehrsunterricht und bildet Schüler- und Elternlotsen aus. „Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Im Straßenverkehr haben sie Defizite. Sie haben ein eingeschränktes Gesichtsfeld und lassen sich leichter ablenken“, erläutert Schlutow. „Deswegen sind Projekte wie Schüler- und Elternlotsen so wichtig.“ Schon seit über 60 Jahren bildet die Polizei Schüler- und Elternlotsen aus, die derzeit an sechs Stationen zum Einsatz kommen. „An den Stellen, an denen Eltern- und Schülerlotsen stehen, gab es noch keine Unfälle“, berichtet Schlutow. Zu einer dieser Stationen begleite ich ihn heute, um mir die Arbeit der Elternlotsen anzusehen.

Pünktlich um 7:30 Uhr stehen wir an unserem heutigen Einsatzort: der Zebrastreifen vor der Grundschule Stöckheim. „Der Dienst für die Elternlotsen beginnt bei uns um 7:40 Uhr“, erzählt mir Carolin Brenner. Sie ist Mobilitätsbeauftragte der Grundschule und damit die Schnittstelle zwischen Schule, engagierten Eltern und Schlutow. Sie kümmert sich darum, die Eltern anzusprechen und für die Arbeit als Elternlotsen zu gewinnen. Zudem organisiert sie gemeinsam mit den Eltern den ‚Einsatzplan‘. Zwei Schichten gibt es pro Tag, die jeweils mit zwei Elternlotsen und einem Ersatz für Krankheitsfälle oder Ähnliches besetzt sind – bestenfalls. „Nicht immer finden sich genug Eltern“, berichtet Brenner. „Nach der ersten Ausbildungsrunde haben wir noch einmal nachgesteuert und sind jetzt gut besetzt.“ Die Ausbildung übernimmt Schlutow: „Für Eltern dauert die Ausbildung zwei Stunden, für Schülerinnen und Schüler dreimal zwei Stunden. Außerdem schreiben unsere Schülerlotsen am Ende einen Test.“ Eine richtige Ausbildung – so hatte ich mir das gar nicht vorgestellt. Was sie dort wohl lernen?

Michael Schlutow hat die Elternlotsen ausgebildet. Foto: BSM

Michael Schlutow hat die Elternlotsen ausgebildet. Foto: BSM

Eine Antwort bekomme ich von Maren Westmattelmann und Erik Schurbohm, die diesen Freitagmorgen im Einsatz sind. Beide haben sie ein Kind, das die erste Klasse der Grundschule Stöckheim besucht. „Bei uns ist es üblich, dass Elternlotsen die Eltern der Erstklässler sind“, erklärt Brenner. Die Motivation sei für sie am größten, da der Schulweg für das eigene Kind noch etwas Neues sei. „Das ist eine gute Regelung“, sagt Westmattelmann. „Wenn das Kind mit der Schule beginnt, lässt man sie ein Stück los und kann sie als Elternlotse noch ein wenig begleiten.“ „Außerdem macht es Spaß“, fügt Schurbohm hinzu. „Das eigene Kind ist eins von den vielen, denen wir über die Straße helfen und es ist gut, ein Vorbild zu sein und zu sehen, dass es etwas bewirkt.“

Sie sind ausgerüstet mit Warnweste und Kelle, beides von der Verkehrswacht Braunschweig e. V. zur Verfügung gestellt. Kaum sind sie angekommen, nahen schon die ersten Kinder, allein, mit Eltern oder in Grüppchen, zu Fuß, mit dem Rad oder auf Rollern. Jetzt sind die Elternlotsen gefragt: ein Blick nach links, ein Blick nach rechts. Kein Auto in Sicht? Dann wird der Fahrradweg gecheckt. Dabei immer ein Auge auf die Kinder haben. Und den Elternlotsen-Kollegen beachten, der das gleiche auf der gegenüberliegenden Seite macht. Hat auch er keine Einwände, geht’s los: Gleichzeitig betreten die Elternlotsen die Straße, stellen sich links und rechts mit dem Rücken zum Zebrastreifen auf und halten die Kelle in der ausgestreckten Hand als Stoppzeichen für herannahende Autos. Der Blick ist nun abwechselnd auf die Straße und auf die Kinder gerichtet. Haben sie die Straße überquert, verlassen beide Elternlotsen gleichzeitig vorwärts die Straße.

via GIPHY

Klingt einfach? Nicht für mich. Was ich dabei alles beachten muss! Autos, Fahrradfahrer, die Kinder und auch noch den anderen Elternlotsen. „Es kommt auf die Kommunikation an“, erklärt mir Maren Westmattelmann. „Und zwar mit allen Verkehrsteilnehmern. Klare Signale sind wichtig, für die Kinder, aber auch untereinander.“ Erik Schurbohm ergänzt: „Wir sprechen uns ab, wann wir auf die Straße gehen und wann wir wieder zurückgehen.“ So weit, so gut, aber was, wenn ein Auto in Sicht ist? „Es gibt einen verabredeten Bereich, in dem sich kein Auto befinden darf, damit die Elternlotsen auf die Straße gehen können“, erläutert mir Schlutow. Etwa fünfzig Meter in beide Richtungen vom Zebrastreifen. Auch den Bereich haben die Elternlotsen im Blick, schätzen ab, wie nah ein Auto ist und ob sie besser abwarten oder losgehen können. Schließlich sind sie auch ein Vorbild im Straßenverkehr.

Das Auto muss halten, wenn Maren Westmattelmann und Erik Schurbohm auf der Straße stehen. Foto: BSM

Das Auto muss halten, wenn Maren Westmattelmann und Erik Schurbohm auf der Straße stehen. Foto: BSM

Ich merke schnell: Bei den Elternlotsen geht es nicht um Mut, sondern um Aufmerksamkeit und Konzentration. Bei Wind und Wetter machen sie ihren Dienst, opfern ihre Freizeit und übernehmen Verantwortung. Nicht wie Superhelden – aber so falsch lag ich mit meiner Theorie vielleicht doch nicht – sondern wie Alltagshelden.

Der Verein Verkehrswacht Braunschweig engagiert sich für Sicherheit auf Braunschweigs Straßen und unterstützt das Projekt Schüler- und Elternlotsen sowie viele weitere. Mit seinen Veranstaltungen wie „Fit im Auto“ für Autofahrerinnen und -fahrer ab 65 Jahren oder „Junge Fahrer“ für Fahranfänger hilft der Verein dabei, Unfälle zu vermeiden. Bei dieser Arbeit können Sie die Verkehrswacht im Rahmen der Spendeninitiative „Braunschweig zeigt Herz“ unterstützen. Sie beginnt am 26. November mit einer Auftaktveranstaltung in der Innenstadt. Dort stellt die Verkehrswacht mit verschiedenen Projekten ihre Arbeit vor und macht auf die Spendenaktion aufmerksam. In teilnehmenden Geschäften und an Aktionsständen stehen Spendendosen bereit, die Sie mit einem Betrag Ihrer Wahl befüllen können. Im Gegenzug bekommen Sie auch ein Herz zurück – in Form von mit Helium gefüllten Luftballons oder Lebkuchenherzen. Bis zum 11. Dezember verbleiben die Spendendosen im Einzelhandel. Alle Spenden kommen den Projekten der Verkehrswacht Braunschweig e. V. zugute.

Hinterlassen Sie einen Kommentar

© Braunschweig Stadtmarketing GmbH (BSM)